Niederösterreich – Ursprungsland mit vielen Gesichtern

„Öffnet man die Augen, wird jeder Tag zum Erlebnis“, sagte Oskar Kokoschka. Wer mit offenen Augen Niederösterreich erkundet, der wird viel erleben, denn das Bundesland hält neben Naturschätzen auch kulturelle Glanzlichter und Wegpunkte einer langen Geschichte bereit.

GEOGRAFISCH

Österreichs flächenmäßig größtes Bundesland liegt im Nordosten, seine Viertel umschließen die Hauptstadt Wien: Das Weinviertel im Nordosten, das Waldviertel im Nordwesten, das Industrieviertel im Südosten und das Mostviertel im Südwesten. Nördlich des Bundeslandes liegt Tschechien, im Nordosten die Slowakei, im Südosten das Burgenland, südlich die Steiermark und westlich Oberösterreich. In das Bundesland ragen die östlichsten und nördlichsten Alpenausläufer hinein, ihre bewaldeten Hügel westlich von Wien bilden den Wienerwald. Daran schließt das Wiener Becken an, das im Osten in die Kleinen Karpaten übergeht. Im Norden bestimmt das Granit- und Gneisplateau der Böhmischen Masse die Landschaft. Viele Ballungsräume liegen entlang der Donau, die von Oberösterreich kommend nach Osten fließt und eine natürliche Grenze zwischen den nördlichen und den südlichen Vierteln bildet.

Fotocredits: Niederösterreich-Werbung/Michael Liebert, Stefan Fuertbauer, Robert Herbst, Andreas Hofer

GESCHICHTE UND GESCHICHTEN

Als im Jahr 996 der römisch-deutsche Kaiser Otto III. dem Freisinger Bischof Gottschalk Ländereien schenkt, werden diese urkundlich „in einer Gegend, die in der Volkssprache Ostarrîchi genannt wird“, verortet. Damit ist die bis dato älteste schriftliche Erwähnung Österreichs unmittelbar an die Gebiete nieder der Donau und an die Geschichte Niederösterreichs geknüpft. Doch auch ein Blick in die Zeit vor der Entstehung Österreichs lohnt.

Die in Originalgröße rekonstruierten Modelle von Wohnstätten aus der Urzeit im MAMUZ auf Schloss Asparn an der Zaya sind besonders sehenswert. Historische Highlights sieht man auch im Urzeitmuseum in Nußdorf ob der Traisen, im MAMUZ Museum Mistelbach oder im Willendorfer Venusium. Im Wiener Naturhistorischen Museum sind zwei besonders alte Plastiken aus der niederösterreichischen Wachau ausgestellt: Die Venus vom Galgenberg (ca. 36.000 v. Chr.) und die üppige Venus von Willendorf (ca. 25.000 v. Chr.) erzählen von urzeitlicher Besiedelung in der Region.

Die Wachau ist reich an Geschichte, aber auch an Geschichten: Im Nibelungenlied hat der Held Rüdiger von Bechelaren (dem heutigen Pöchlarn) hier seinen Sitz als Lehnsmann des Hunnenkönigs Attila. 

Das Nibelungengau mit seinen weitläufigen Wanderwegen erinnert heute dem Namen nach an diesen Bezug zur Welt der Sagen. Und auch die Romantikstraße verläuft nicht ohne Grund durch das Gebiet entlang der Donau, denn zwischen Krems und Melk reihen sich Stifte, Burgen und Schlösser aneinander, etwa das Schloss Schönbühel, die Burgruine Aggstein oder das Stift Dürnstein.

VON RÖMERN, RIESEN UND BAUMEISTERN

Unweit der slowakischen Grenze, nahe des heutigen Deutsch-Altenburg lädt eine weitere historische Stätte dazu ein, in die Geschichte einzutauchen. Hier ließ der römische Kaiser Claudius um 54 n. Chr. ein Legionslager errichten. Die römischen Bauwerke wurden teils mit originalen Bausubstanzen aus der Römerzeit rekonstruiert, etwa die 2011 entdeckte, weltweit zweitgrößte Gladiatorenschule. Ein Museum in Deutsch-Altenburg zeigt zahlreiche archäologische Fundstücke aus Carnuntum.

Wem Amphitheater und römisches Handwerkszeug zu profan sind, der kann sich im Waldviertel auf geheimnisvolle Pfade begeben. Mystisch muten die Formationen der riesigen Granitsteine an, die sich dort auf einer Wanderung, etwa im Naturpark Blockheide, erkunden lassen. Es ranken sich viele Geschichten um die Felsen, die so sagenumwobene Namen wie Teufelsbrotlaib, Sitzender Hund oder Heiliger Bezirk tragen. Man erzählt sich seit alters her, keltische Druiden hätten hier Versammlungen abgehalten und Riesen die massiven Steine platziert.

Keine Riesen sondern wahre Baumeister waren bei der Fertigstellung der Semmeringbahn am Werk. In Rekordzeit erbaute man in den Jahren von 1848 bis 1854 Europas erste vollspurige Bergbahn, der Bauherr Carl Ritter von Ghega verzichtete dabei völlig auf Stahl und Eisen. Mit 15 Tunneln, 16 Viadukten und 100 Brücken überwand man den Alpenübergang Semmering. Das UNESCO-Weltkulturerbe lässt auch vom Bahnwanderweg aus bewundern.

FÜR TROCKENE KEHLEN

Auch die Wachau ist von der UNESCO ausgezeichnet. Eine jahrtausendalte Tradition ist hier der Weinanbau. Dabei ist die Kultivierung an den Steilhängen im Donautal alles andere als einfach und erfordert bis heute oft Handarbeit. Dem kostbaren Erzeugnis huldigen Liebhaber im Frühling und Sommer auf zahlreichen Weinfesten.

Für den Grünen Veltliner ist das Weinviertel bekannt, Österreichs größtes Weinanbaugebiet. Die Weinsorte wird aufgrund ihres pfeffrigen Geschmacks auch liebevoll „Pfefferl“ genannt. Auf insgesamt 13.858 Hektar widmen sich 1442 Betriebe der Weinerzeugung auch anderer Rebsorten wie Riesling, Burgunder oder Traminer. 

Dem kulinarischen Genuss hat sich das Mostviertel auch dem Namen nach verschrieben. Der hier typische Birnenmost hat wie der Wein eine lange Geschichte, von der die sogenannten Vierkanter – das sind viereckige Höfe, „die der Most gebaut hat“ – erzählen. Sein Image als Bauerntrank hat das fruchtige Getränk längst abgestreift. Auf einer Wanderung entlang der Moststraße laden etliche Wirtshäuser und Heurige zur Verköstigung ein.

DIE KULTURLANDSCHAFT

Auch wen es eher nach Kultur dürstet, wird im Mostviertel fündig. Große Museen wie das Landesmuseum Niederösterreich in St. Pölten, das Karikaturmuseum oder die Kunsthalle in Krems locken mit wechselnden Ausstellungen. Architektonisch spannend ist die ebenfalls in Krems angesiedelte Landesgalerie Niederösterreich.

Wer mehr über die Geschichte der Landeshauptstadt St. Pölten und deren barocke und moderne Architektur erfahren will, kann dies mithilfe der kostenfreien App Hearonymus tun.

Ein besonders imposantes Bauwerk des Barock ist das Stift Melk. Das Kloster prangt mit seinen vergoldeten Türmen weithin sichtbar auf einem Granitfelsen an der Donau. Seit 1089 wohnen hier Benediktinermönche und mit 940 Schülern beherbergt das Stift heute die größte katholische Schule Österreichs. 

Eine architektonische Besonderheit sind auch die Kasematten in Wiener Neustadt. Gekonnt integrierte man hier moderne Elemente in die Wehranlage aus dem 12. Jahrhundert. Auf den 4.000 m² werden heute Events veranstaltet.

Kunstliebhaber können in Pöchlarn auf den Spuren des Malers und Schriftstellers Oskar Kokoschka wandeln. Sein Geburtshaus ist heute Dokumentationszentrum und Galerie.

Auch das Geburtshaus des Zeitgenossen Egon Schiele lässt sich besuchen. Die Rekonstruktion der Wohnräume in Tulln soll Besuchern einen unmittelbaren Einblick in die Kindheit des Ausnahmekünstlers geben. An der Donaulände in Tulln befindet sich auch das Egon Schiele Museum.

Ein niederösterreichischer Star ist auch Joseph Haydn, dessen Geburtshaus in Rohrau steht. Auf Schloss Rohrau werden seit 2004 die Haydn-Tage abgehalten. Dieses Jahr werden die 17. Haydn-Tage am 26. und 27. Juni nachgeholt. Die Haydngesellschaft in Hainburg feiert heuer 40-jähriges Jubiläum und veranstaltet mehrere klassische Konzerte ab Ende Mai. Top-Acts der deutschsprachigen Musikszene (z.B. Die Seer, Silbermond) treten beim Kremser Musikfrühling auf, der jedoch erst am 27. und 28. Mai 2022 stattfindet. Noch bis zum 18. Juni sollte das diesjährige Bösendorfer Festival anlässlich Beethovens 250. Geburtstages abgehalten werden, Ersatztermine für abgesagte Konzerte sind teils erst für Juni 2022 angesetzt. 

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