M.Maurer – Die Kunst des Posamentierens

Wenn man bei M.Maurer über die Schwelle tritt, vergeht die Zeit gleich etwas langsamer. Historische Maschinen arbeiten hektisch, Mitarbeiter*innen ruhig und konzentriert. In den Ecken und unzähligen Schubladen türmen sich Fadenspulen, Stoffrollen, Bänder und kleine, schöne Dinge: Posamenten.

EIN GUT GEÖLTER MECHANISMUS

Sollten Sie gerade nachdenklich die Stirn runzeln, sind Sie bestimmt nicht allein – die meisten können sich unter einem Posament wohl nur wenig vorstellen. Hier die Auflösung: Posamenten sind Schmaltextilien, ein Sammelbegriff für verschiedenste dekorative Elemente, die auf Kleidung oder Heimtextilien appliziert werden. Eigenen Zweck erfüllen sie keinen – ganz nach dem Motto l‘art pour l’art dienen die Accessoires aus Band, Draht und Faden nur der Zierde. Im Traditionsbetrieb M.Maurer geht man dem faszinierenden Handwerk des Posamentierers seit 1863  nach.

Am Telefon besteht Elisabeth Maurer darauf, dass wir uns den Betrieb vor Ort ansehen. Zu Recht, denn Besucher*innen erwartet ein eindrucksvolles Bild: Mitten im 7. Wiener Gemeindebezirk – der ehemaligen Hochburg der städtischen Textilproduktion – führen schmale Stiegen in das Firmengebäude von M.Maurer. In den Werkstätten rattern historische Web-, Häkel- und Stickmaschinen unaufhörlich vor sich hin – vor manchen tritt man respektvoll zurück, andere folgen einem gemütlichen, beinahe hypnotischen Takt. Neben den charmanten Flügeltüren und Doppelfenstern des Altbaus wirken die imposanten Maschinen beinahe fehl am Platz. Ein Mitarbeiter zieht hunderte Fäden in eines der Geräte ein, die Zentimeter für Zentimeter schmale, kompliziert gemusterte Bänder hervorbringen. Trotz des Summens der Maschinen sind die Mitarbeiter*innen konzentriert in ihre Arbeit vertieft. Man hat den Eindruck auch sie seien Teil eines gut geölten Mechanismus. Und das ist auch gut so, erklärt uns Geschäftsführer Albert Maurer, denn Koordination und gute Zusammenarbeit machen den Wiener Posamentiererbetrieb so einzigartig. Vom anfänglichen Faden oder Schnürchen bis zum verschnörkelten Endprodukt wird nämlich alles unter einem Dach hergestellt: „Die verschiedenen Produktionsstätten sind aufeinander angewiesen“, erzählt Albert Maurer, „Ohne das Endprodukt der einen Abteilung kann die nächste nicht weiterarbeiten“.

Was die Maschinen ausspucken wird abseits vom Schnurren der Getriebe in feinfühliger Handarbeit zum fertigen Posament assembliert. Bei aller Fingerfertigkeit braucht die Herstellung Zeit und Geduld – manchmal arbeiten Posamentierer*innen monatelang am selben Auftrag. Das Ergebnis: Borten, Bänder, Litzen, Quasten, Flitter, Fransen, Uniformeffekte wie Schulterschlaufen, Kragenspiegel, Mützenkokaden und -kordeln, Patches, Portepees, Posamentenverschlüsse, mit Kunstseide umsponnene Kabel, Raffhalter und Lusterposamenten – auf Besuch bei M.Maurer lernt man so viele neue Vokabeln, wie schon lange nicht mehr. Viele der Endprodukte sind Spezialwaren, die so nirgendwo anders gefertigt werden; „Was wir machen, kann nicht jeder“, meint Albert Maurer stolz. Das Erfolgsrezept liegt dabei in der Tradition: Die älteste Maschine läuft seit 150 Jahren, die Arbeitsschritte im Handwerk sind überliefert von früheren Generationen. „Die Technik entwickelt sich natürlich immer weiter, vieles bleibt aber trotzdem gleich. Eigentlich gibt es nur diesen einen Weg, Posamenten herzustellen“, versichert uns der Geschäftsführer.

EIN BILDUNGSAUFTRAG FÜR POSAMENTEN

Was nicht gleich blieb, ist die Nachfrage nach den fein verarbeiteten Schmaltextilien. Über 80 Betriebe stellten im Wien des 19. Jahrhunderts Posamenten her – heute ist M.Maurer der letzte. Auch Albert Maurer ist sich des augenscheinlichen Nischenstatus seines Gewerbes bewusst: „Posamenten sind nun mal nichts, mit dem man alle Tage Kontakt hat. Wir bekommen immer wieder mal Bewerbungen von jungen Menschen, die sich bei uns als Maurer bewerben wollen“, erzählt er lachend.

Im Betrieb wird dennoch unermüdlich gegen ein Vergessen des Handwerks angearbeitet. Und das mit Erfolg: Trotz Konkurrenz durch Massenanfertigungen am asiatischen Markt kann der Wiener Posamentierer weiterhin so einige Aufträge für sich verbuchen: Zu den wichtigsten Kunden zählen Polizei, Feuerwehr und Bundesheer, Theater, Trachtenmanufakteure, Zirkusse, Hotels, Kirchen, Raumausstatter und Sammler. „Wir können viele große, aber auch kleinere Aufträge annehmen. Hohe Qualitätsstandards sind klarerweise auch ein Marktvorteil: einige Kunden glauben, wir sind zu teuer, kommen dann aber wegen der besseren Qualität der Ware wieder zu uns zurück“, betont Albert Maurer. „Die Produktionskosten sind in Österreich zwar höher, aber es ist wichtig, auch die heimische Kreislaufwirtschaft zu unterstützen. Hier kann der Kunde vor Ort sein, die Textilien anfassen, Farben aussuchen und aktiv am Gestaltungsprozess teilhaben“. Um konkurrenzfähig zu bleiben ist man bei M.Maurer auch immer bereit zu experimentieren: Neue Projekte sind Schmuck aus Posamenten sowie Kooperationen mit der Designerin Lena Hoschek.

Die Vision für die Zukunft des Betriebs ist soweit klar: M.Maurer soll weiterwachsen, mehr Aufträge bedienen und den Kunden eine noch breitere Palette an Waren bieten können. Letztendlich steht irgendwann wohl auch der Auszug aus dem traditionsreichen Gebäude im „Brillantengrund“ bevor: „Wir würden gerne neue Maschinen dazukaufen, doch uns fehlt der Platz. Das Gebäude hier ist alt und kommt langsam an seine Grenzen“, bedauert Albert Maurer. Im Hintergrund dieses Expansionsgedankens steht der über Generationen erhalten gebliebene Wunsch der Familie, die Kunst des Posamentierens weiter am Leben zu halten. „Wir fühlen uns persönlich verantwortlich dafür zu sorgen, dass unser Gewerbe nicht in Vergessenheit gerät. Das ist unser Bildungsauftrag.“

Fotos: SOCIETY/Pobaschnig

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