Muay Thai – zwischen Körper und Geist

 
Die „Kunst der acht Gliedmaßen“ ist viel mehr als nur Kampfsport – seit Jahrhunderten ist sie eine tief in der Geschichte und Kultur Thailands verankerte Kunstform, getragen von einer Philosophie die auf Respekt, Disziplin, Geduld, Demut und Selbstbeherrschung basiert.

Von Sarah Heftberger

„Muay Thai ist ein philosophisches System, das Körper und Geist formt, Charakter aufbaut und Respekt vor Mensch, Tradition und Leben lehrt. Es zeigt, dass Kampfkunst nicht Zerstörung bedeutet, sondern Verfeinerung – eine Suche nach Gleichgewicht, Würde und innerem Frieden“, fasst Robert Fuchs vom Kampfsportverein Fox Gym den Reiz von Thaiboxen im Diplomatic SOCIETY Interview zusammen.

Fuchs selbst praktiziert seit den 1980er Jahren Kampfsport. Inspiriert vom Film Karate Tiger 1 begann er einst mit dem Kickboxen, als einige Jahre später der erste Muay Thai Verein in Wien öffnete, wechselte er zum Thaiboxen. „Das richtige Muay Thai lernte ich dann während meiner zahlreichen Thailandaufenthalten ab den 90er Jahren“, erzählt er. Dort stieß er auch auf die thailändische Waffenkampfkunst „Krabi Krabong“, die ursprünglich zur Unterhaltung des Adels konzipiert worden war. Wie bei Muay Thai Kämpfen wird auch hier während der Demonstration Musik abgespielt und vor Beginn ein sogenannter Waffentanz aufgeführt. Anders als Muay Thai hat sich Krabi Krabong aber nicht international durchgesetzt. „Für Muay Thai gibt es ja heute fast schon an jeder Ecke eine Kampfsportschule“, so Fuchs, der selbst als Trainer im Fox Gym tätig ist.

Und was macht Muay Thai so besonders? „Thaiboxen bietet eine unglaublich große Vielfalt an Angriffstechniken und noch mehr Verteidigungstechniken. Im Großen und Ganzen kann man sagen, dass Muay Thai ein komplettes System ist, in dem Box-, Ellenbogen-, Knie- und Kicktechniken in allen Variationen zum Einsatz kommen“, so Fuchs weiter.

Die Ursprünge

Wie genau Muay Thai entstanden ist, ist nicht eindeutig geklärt – historisch belegt ist jedenfalls, dass schon zur Zeit der Königreiche Sukhothai und Ayutthaya Soldaten ihre Fäuste, Ellbogen, Knie und Schienbeine nutzten, um Gegner zu bekämpfen. Unter der Herrschaft von König Naresuan – Quellen zufolge selbst ein exzellenter Kämpfer – wurde Muay Thai, das damals noch „Muay Boran“ genannt wurde, in das militärische Training der Soldaten integriert.

Im Laufe der Jahrhunderte entwickelte sich die Kampfkunst von einer notwendigen Selbstverteidigung zu richtigen Performances. Man traf sich auf offenen Plätzen und kämpfte vor Publikum – zu Beginn mit bloßen Fäusten, später mit Hanfseilen als Handbandagen. Unter König Rama V und später unter König Rama VII wurde der Kampfsport formalisiert, offizielle Regeln wurden festgelegt und Ringrichter bei Kämpfen eingesetzt. Die „Nak Muay“ stiegen von nun an mit Handbandagen, Boxhandschuhen, Tiefenschutz und kurzen Shorts in den Ring und herausragende Kämpfer wurden bald zu gefeierten Stars.

„Dieser Sport bringt sehr viel Tradition und Kultur mit. Es gibt unzählige Geschichten von berühmten Kriegsführern und Königen, die bis heute verehrt werden“, ergänzt Fuchs. Eine der wohl bedeutendsten Figuren ist der Krieger Nai Khanom Tom, der im 18. Jahrhundert in burmesische Gefangenschaft geraten war und vor dem König gegen elf Soldaten kämpfen musste. Er konnte alle elf besiegen und so seine Freiheit wiedererlangen. Noch heute wird alljährlich am 17. März der Tag des „Nai Khanom Tom“ gefeiert.

„Auch Kampfsportlegenden wie Saenchai oder Buakaw kennt mittlerweile fast jeder Kampfsportler weltweit“, fügt Fuchs hinzu.

Rituale und Religion

Besonders machen Muay Thai auch die zahlreichen Rituale, die ihre Wurzeln häufig im Buddhismus haben. Gut sichtbar werden diese Einflüsse zum Beispiel beim rituellen Tanz  „Wai Khru Ram Muay“, der Respekt gegenüber Lehrern, Eltern und den Göttern vermitteln soll und Bewegungen beinhaltet, die im Buddhismus symbolische Bedeutung haben. „Viele Kämpfer tragen außerdem Amulette oder lassen sich Sak-Yant-Tattoos stechen – heilige Tätowierungen, die Schutz, Stärke und spirituelle Energie verleihen sollen. Vor Kämpfen beten sie oft oder meditieren, um Geist und Körper zu zentrieren“, erklärt uns Fuchs.

Internationale Anerkennung & österreichische Erfolge

Seit 2021 sind der thailändische Nationalsport sowie die International Federation of Muay Thai Associations (IFMA) auch vom Internationalen Olympischen Komitee vollständig anerkannt, bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris war Muay Thai erstmals als Nebenprogramm dabei.

Und auch das Fox Gym, das Robert Fuchs 2000 gemeinsam mit Dr. Oliver Haentjens gegründet hat, ist in Kampfringen auf der ganzen Welt vertreten: als offizieller Partner des Weltverbandes WBC nimmt der Verein regelmäßig an Europa- und Weltmeisterschaften teil.

Gerade erst im September 2025 kürte sich übrigens eine Österreicherin – zum ersten Mal überhaupt – zur ONE Muay Thai Weltmeisterin im Strohgewicht: die 26-Jährige Stella Hemetsberger besiegte am 6. September im traditionsreichen Lumpinee Stadion in Bangkok ihre amerikanisch-philippinische Kontrahentin und schrieb damit österreichische Sportgeschichte.

Fotos: Fox Gym/Header: Work created under contract with the Department of Tourism, Ministry of Tourism and Sports, Published with author’s permission – author: Peerapong Prasutr