„Ein Direktor sollte kein Dogmatiker sein“

Das Wiener Burgtheater feiert 250 Jahre seines Bestehens, Diplomatic SOCIETY hat mit dem künstlerischen Direktor Stefan Bachmann über das „theaterverrückte“ Wiener Publikum und seine Rolle als Leiter eines der ältesten Nationaltheater Europas gesprochen.

Das Wiener Burgtheater ist eines der ältesten europäischen Nationaltheater und feiert seit vergangenem November 250 Jahre seines Bestehens, was bedeutet das Burgtheater für Sie?

Das Burgtheater genießt einen hohen Status und wird im deutschsprachigen Raum und darüber hinaus sehr bewundert. Dabei geht es nicht nur um dieses Haus selbst, sondern auch um die Stadt, in der es sich befindet. Wien ist theaterverrückt. Ich sage immer, dass man dieses „Theatergehen in der Stadt“ unter Weltkulturerbe stellen sollte. Aufgrund dieser Liebe zum Theater konnte eine so herausragende Institution wie das Burgtheater erst entstehen. Die Geschichte dieser Kulturinstitution ist von Begeisterung und Enttäuschung geprägt. Sie wurde immer sehr emotional begleitet, bejubelt, und umkämpft. Es ist der Wunschtraum jedes Theatermenschen, dass ein Theater so eine Aufmerksamkeit erhält und für die Menschen relevant zu sein scheint. Das 250-jährige Bestehen dieses Hauses bedeutet auch, dass wir eines der ältesten Nationaltheater der Welt sind, übertroffen nur, von der Comédie Française, die tatsächlich noch ein paar Jahre älter ist.

Was meinen Sie mit dieser Liebe-Hass Beziehung der Wiener zum Theater?

Sie verzeihen es einfach nicht, wenn das Theater nicht ihren Vorstellungen entspricht. Das kann zu starken Anfeindungen führen, wenn es aber den Nerv trifft, dann sind die Liebe und der Jubel groß und genau das können wir momentan vorwiegend erleben. Dass die Produktionen sehr gut ankommen ist einfach wahnsinnig schön und motivierend.

Wir versuchen zum Beispiel Theaterklassiker wie etwa von Johann Nestroy mithilfe neuer Medien in die heutige Zeit zu bringen. Das gefällt nicht jedem, sorgt dann aber auch dafür, dass wir ein jüngeres Publikum ansprechen. Unsere Gäste sind sehr gemischt.Wir versuchen einen Strauß unterschiedlicher Produktionen zu präsentieren, die aber eines gemeinsam haben: sie sind von höchstmöglicher Qualität.

Wie ist als Schweizer Ihr Blick auf diese österreichische Kulturinstitution Burgtheater?

Grundsätzlich bin ich gegen Klischeedenken. Was man als Schweizer aber hier bewundert und was einem imponiert und zugleich irritiert ist der Feudalismus, der noch tief in diesem Land zu stecken scheint. Bei uns wäre ein Gebäude wie das Burgtheater mindestens das Bundeshaus, also der Regierungssitz. Dieses kaiserlich-imperiale Wien mit seinen riesigen Kulturinstitutionen steht im Widerspruch zur schweizerischen Neigung zum Understatement.Die Schweiz bevorzugt das Schlichte, Schnörkellose, Aufgeräumte – wir nennen es „Swissness“. Für mich ist es schon eine faszinierende Gegenwelt. Was uns wiederum eint, ist unser Abgrenzungsbedürfnis zu Deutschland. Ich habe in allen drei Ländern ein Theater geleitet und es war wirklich jeweils eine andere Kultur.

Wie sehen Sie Ihre Rolle als Direktor des Burgtheaters und wie kann man das Theater in die Zukunft bringen?

Wien hat immer eine Brücke zwischen Tradition und Avantgarde gebaut – die Zukunft gestaltet, ohne dabei die Tradition über Bord zu werfen. Theater muss sich immer weiterentwickeln, es ist in einem stetigen Fluss der Veränderung. Wir verhandeln als Pioniere die Welt von morgen und entwickeln gleichzeitig ein Bewusstsein für Werte, die es zu schützen gilt.

In gewisser Weise spiegelt sich das in meiner jüngsten Produktion „Wir sind noch einmal davongekommen“ von Thornton Wilder wieder. In diesem 1942 entstandenen Stück spielt der Autor mit unterschiedlichen Theatertraditionen und Formen. Es enthält Elemente des bürgerlichen Wellmade-plays, des Sit-com haften Boulevards und vermischt diese mit avantgardistischen Ästhetiken des Surrealismus und Expressionismus. Es ist ein wilder Genre-Mix! Überhaupt gefällt mir, dass das Theater so vielfältig sein kann. Mir sind Regisseur:innen, die aus dem leeren Raum nur mit der Kraft der Schauspieler:innen und der Sprache wunderbare Abende zaubern können ebenso sympathisch wie solche, die Spektakel in fulminanten Bühnenbildern inszenieren. Für mich ist die Qualiät entscheidend. Ein Direktor sollte nicht zu viele Vorgaben machen, sondern vielmehr ein guter Gastgeber sein. Meine Aufgabe ist es dafür zu sorgen, dass die künstlerischen Teams ihre Ideen frei verwirklichen können.

Glauben Sie, dass KI für das Theater zum Thema werden wird?

Im positiven Sinne ja. Man wird sich an der KI vielleicht in künstlerischen Prozessen bedienen, aber es wird immer so sein, dass das Theater eine wohltuende Abgrenzung darstellt. Ich glaube, dass der „Live-Charakter“ des Theaters etwas Urtümliches bietet. Die Zuschauer werden ein zeitloses Erlebnis außerhalb der technologisierten Welt erfahren – es ist immer 100% echt.