Der The Armed Conflict Survey 2025 des International Institute for Strategic Studies (IISS) zeigt, dass die Anzahl und Dauer aktiver bewaffneter Konflikte unter den höchsten der letzten Jahrzehnte liegen. 240.000 Menschen sind als Folge dieser Kriege zwischen Juli 2024 und Juni 2025 gestorben.
Warum jetzt, wo die Menschheit mit AI einen technologischen Quantensprung macht? Warum lernen wir nicht aus der Geschichte? Wie steuern wir Entwicklungen entgegen, die unsere Demokratien gefährden, internationale Strukturen zerstören und die militärische und wirtschaftliche Macht zum Nachteil einer kooperativen Weltordnung einsetzen?
In dieser Welt im Umbruch stoßen die Mittel der traditionellen Diplomatie oftmals an ihre Grenzen. Welche Rolle kann Kulturdiplomatie in einer Welt spielen, die von Konflikten und von einer Zunahme autokratisch regierter Staaten dominiert wird?
Die Definition von Kulturdiplomatie führt uns auf die fundamentalen Werte menschlicher Begegnungen zurück: Dialog, Verständnis, Respekt, Toleranz, Vertrauen und Zusammenarbeit. Diplomatinnen und Diplomaten können dabei als Brückenbauer fungieren.
Kulturdiplomatie kann in den drei Phasen eines Konfliktes ganz wesentliche Beiträge leisten. In der Pre-Conflict-Phase gilt es konfliktträchtige Entwicklungen wie Extremismus und Nationalismus zu bekämpfen. Gerade in dieser Phase spielen soziale Medien durch ihre enorme Reichweite eine entscheidende Bedeutung. Die durch sie verbreitete Desinformation und Manipulation stellen eine oftmals unterschätzte Bedrohung unserer Gesellschaften dar. Ihr zu begegnen ist eine zentrale Aufgabe für die Kulturdiplomatie.
In der zweiten Phase, der heißen Konfliktphase, kann Kulturdiplomatie im Sinne des Brückenbauens und der Dialogbereitschaft Beiträge leisten, indem sie die Konfliktnarrative hinterfrägt und durch vertrauensbildende Maßnahmen mögliche Verhandlungslinien vorzeichnen kann.
In der dritten Phase kommt der Kulturdiplomatie eine ganz spezielle Rolle zu: es geht um Heilungs- und Versöhnungsprozesse, bei denen interkulturelles Verständnis fundamental für die großen Anstrengungen ist, die nötig sind, um Perspektiven für ein friedvolles Zusammenleben zu schaffen.
Bei einem kürzlich an der Diplomatischen Akademie abgehaltenen Symposium stand die Kraft der Musik im Mittelpunkt der Überlegungen zur Kulturdiplomatie. Musik ist nicht nur nach Johann Wolfgang von Goethe „die schönste und zugleich die einzige Sprache, die überall auf dieser Welt verstanden wird“. Sie aktiviert fast das gesamte Gehirn, indem sie neuronale Netzwerke stimuliert und damit unbewusst eine Stimmungslage schafft, die eine positive Grundhaltung im Umgang mit dem Nächsten fördert.
Ein vielzitiertes, vielbewundertes und äußerst erfolgreiches Beispiel der diplomatischen Kraft der Musik ist das West-Eastern Divan Orchestra, das 1999 von Daniel Barenboim und Edward Said begründet wurde. Israelische und palästinensische Musikerinnen „glauben an Musik als universelle Sprache und widmen sich der Gewaltlosigkeit, Versöhnung und dem Streben nach Harmonie – sowohl musikalisch als auch menschlich.“
Diese Ziele teilt auch das EUYO – das Jugendorchester der Europäischen Union, das seit einem halben Jahrhundert als Botschafter der Europäischen Union die Werte der EU verkörpert. Das EUYO, dem zumindest ein Orchestermitglied aus jedem EU-Mitgliedstaat angehört, steht für Zusammenarbeit, Kreativität, Innovation und Leistung.
Auch an der Diplomatischen Akademie beschäftigen wir uns intensiv mit den Möglichkeiten der Kulturdiplomatie. Wir legen Wert darauf, unsere Studierenden, die eines Tages in internationalen Karrieren wichtige Beiträge zum Bonum Commune der Menschheit leisten werden, mit den Prinzipien der Kulturdiplomatie vertraut zu machen.
Insbesondere weisen wir sie darauf hin, dass Kulturdiplomatie nicht nur eine Aufgabe staatlicher Akteure ist, sondern über weite Strecken von der Zivilgesellschaft getragen wird. In diesem Sinne trifft der Auftrag der Kulturdiplomatie uns alle!