Kleinere Staaten mit großer Geschichte tun gut daran, in die sanfte Macht des kulturellen Gedächtnisses zu investieren. Wenn auf diese Weise noch dazu der nach dem Zweiten Weltkrieg erzwungenen Teilung Europas in Ost und West ein gutes Stück ihrer Legitimation genommen werden und einer Region wieder die Chance auf kulturelle Gemeinsamkeiten gegeben werden kann, dann war die Idee der Gründung von „Österreich-Bibliotheken“ im mitteleuropäischen Raum eigentlich selbstverständlich.
von Dr. Emil Brix
So oder so ähnlich waren die kulturpolitischen Ideen im österreichischen Außenministerium in den 1980iger Jahren, als die Vorstellung eines gemeinsamen Kulturraumes „Mitteleuropa“ bei liberalen Dissidenten besonders in Polen, der Tschechoslowakei, Ungarn und Jugoslawien immer mehr an Bedeutung gewannen.
Als 1986 erstmals ein „Österreichischer Lesesaal“ im damals noch kommunistischen Polen an der Jagiellonenuniversität in Krakau errichtet werden konnte, war ein sehr simples und sehr europäisches Erfolgsmodell geboren. Das österreichische Außenministerium stellt einer lokalen Universität österreichische Literatur und Bücher zur österreichischen Geschichte und Politik zur Verfügung und hilft bei der technischen Ausstattung, während seitens des Partners Räume und Personal zur Verfügung gestellt werden. Das erfolgreiche Konzept blieb in den vergangenen vierzig Jahren weitgehend unverändert – heute gibt es bereits 65 Österreich-Bibliotheken. Auch an der damals politisch noch subversiven Idee, mit den Mitteln der Kultur ein Stück der Teilung Europas zu überwinden, hat sich nichts geändert.
Es geht darum, die Traditionen eines größeren, sprachlich und kulturell vielfältigen Österreich als Brücke für eine Verständigung mit den Nachbarstaaten in Mittel-, Ost- und Südosteuropa zu nutzen. Es geht darum, den populistischen Versuchungen eines ethnischen Nationalismus und der Gefahr einer „Provinzialisierung“ als unzufriedene Peripherie Europas entgegenzuwirken.
Für eine erfolgreiche Zukunft der europäischen Integration fehlen manchen heute die gemeinsame Mission Europas und Visionen darüber, was Europa erreichen möchte. Dies unterstreichen die Bedeutung und das Potential der regionalen kulturellen Zusammenarbeit. Österreich sollte das Einfache (eine aktive Nachbarschaftspolitik) tun, trotzdem es dies nach dem kurzen Zwanzigsten Jahrhundert zwischen 1918 und 1989 auch kompliziert unterlassen könnte, so wie dies auch in anderen Nachfolgestaaten der multinationalen Habsburgermonarchie mit seiner neuen nationalstaatlichen Struktur nach dem Ersten Weltkrieg und mit seiner Teilung in einen freien und einen kommunistischen Teil nach dem Zweiten Weltkrieg geschehen war.
Die Österreich-Bibliotheken konzentrieren ihre Kooperationsarbeit auf österreichische Literatur und mitteleuropäische Geschichte. Sie haben Netzwerke der gemeinsamen Arbeit an wissenschaftlichen Fragestellungen für Germanisten, Historiker und Sozialwissenschaftler geschaffen. Sie sind wertvolle Bestandteile der Kooperation mit führenden Universitäten in der Mitte und im Südosten Europas. Sie sichern die Vision des gemeinsamen kulturellen Gedächtnisses einer regionalen Identität, die einen weiten geographischen Raum umfasst, einen Raum, in dem Mehrfachidentitäten und auch Unversöhnlichkeiten häufig waren. Heute, genauso wie am Beginn vor vierzig Jahren, begünstigen sie die politische Zusammenarbeit in einem Raum, in dem – wie die Herausforderungen durch die imperialistische Politik Russlands an seinen östlichen Grenzen und interne Auseinandersetzungen in der EU über die Form und die geographische Erweiterung der europäischen Integration unter Beweis stellen – die Zukunft Europas entschieden wird.
Damals, 1986, habe ich gemeinsam mit Erhard Busek ein Buch mit dem Titel „Projekt Mitteleuropa“ geschrieben. Wir ahnten nicht, dass nur drei Jahre später der Eiserne Vorhang durchschnitten werden konnte, aber wir waren im November 1986 mit österreichischen Journalisten in einem grauen und luftverschmutzten Krakau, um Oppositionspolitiker der Gewerkschaft „Solidarnosc“ und liberale katholische Publizisten zu treffen. Ich weiß nicht, ob ich dies der List der Vernunft zuschreiben darf, aber es war zufällig genau jener Tag, an dem der Österreichische Lesesaal in Krakau eröffnet wurde.