„Das Wichtigste ist journalistische Demut“

Diplomatic SOCIETY sprach mit dem ORF-Korrespondenten und Kriegsreporter Christian Wehrschütz über sein neuestes Buch „Frontlinien. 25 Jahre zwischen Krise, Krieg und Hoffnung“, welches Entwicklungslinien aufzeigt, die zum Ukraine Krieg geführt haben. Dabei widmet er auch der Rolle des Westens in der neuen Weltordnung und dem Balkan jeweils ein Kapitel.

von Mag. Tanja Tauchhammer

Nach „Mein Journalistenleben“ ist nun Ihr neuestes Buch „Frontlinien. 25 Jahre zwischen Krise, Krieg und Hoffnung“ erschienen, in dem Sie ihre Erfahrungen sowohl als Korrespondent, als auch als Kriegsberichterstatter in der Ukraine und dem Balkan teilen und die Hintergründe des Ukrainekriegs erläutern. Was war die Motivation für Sie, dieses Buch zu schreiben?

Diese Frage ist ganz einfach zu beantworten. Mein Verlag ist mit dem Vorschlag auf mich zugekommen, ein Buch über meine Arbeit zu schreiben. Dieses ist dann aus mehreren Interviews mit mir entstanden. Jetzt, wo es Friedensbemühungen in der Ukraine und die neuen Entwicklungen am Balkan gibt, sollte ein Buch von mir herauskommen, das versucht, diese Dinge einzuordnen – ergänzt wird dies durch meine Erlebnisse und Erfahrungen als Journalist sowie Bildmaterial von meinem Cutter. So wie es gestaltet wurde, finde ich es abwechslungsreich und einfach zu lesen – man muss nicht am Anfang beginnen, sondern kann dort einsteigen, wo man will. „Frontlinien“ spiegelt das wider, was meine Tätigkeit in den 25 Jahren war, ist aber trotzdem gut lesbar. Ich habe dieses Buch ganz bewusst mit dem Zitat von Sokrates begonnen: „Je mehr ich weiß, desto mehr weiß ich, dass ich nichts weiß.“ Eben um aufzuzeigen, dass gerade bei Journalisten wichtig ist, sich bewusst zu sein wie endlich unser Wissen ist, weil wir bei vielen Entscheidungen nicht anwesend sind. Daher sind für mich das Wichtigste journalistische Demut, indirekte Rede und Konjunktiv.

Dieses Werk ist kein Duplikat oder Fortschreibung des vergangenen Buches, welches sehr autobiographisch war, vielmehr ist es ein Versuch die komplexen Vorgänge in der Ukraine, dem Balkan und die Rolle des Westens zu analysieren.

Gerade beim Balkan habe ich mich bemüht, auf die vielschichtige Vorgeschichte hinzuweisen. Die Völker des Balkans waren damals schon Opfer von Großmachtinteressen und dieses katastrophale Image des Balkans wurde oft fremdverschuldet. Viel dazu beigetragen haben die Bücher von Karl May, der mit seinen Werken Generationen geprägt hat.

Sie befürworten die Osterweiterung der EU, können Sie hierzu mehr erzählen?

Ich glaube, dass der Westbalkan für die Befriedung dieser Region wichtig ist. Daher muss man Schritte unternehmen, die europäischen Völker, welche EU-Mitglieder sind, zu überzeugen, dass diese Erweiterung wichtig und positiv ist. Bei der Ukraine ist es ganz klar, dass es drei Grundbereiche gibt, die entscheidend sind. Das eine ist die Frage der Landwirtschaft siehe die Proteste in Polen, das zweite ist die Frage der Korruptionsbekämpfung, wo wahnsinnig viel zu tun ist. Das dritte ist eine Grundfrage, wenn die Ukraine der EU beitreten sollte, wird sich das Schwergewicht der EU in den Osten verlagern. Dann sind Polen und die Ukraine als Staaten im EU-Parlament genauso einflussreich wie heute Frankreich und Deutschland und naturgemäß gibt es eine extreme anti-russische Schlagseite bei der Ukraine. Will ich das wirklich, dass ich eine derartige Verlagerung des Schwergewichts der EU habe? Ich bin der Meinung, dass die Ukraine einen wichtigen Beitrag zu einer Konsolidierung der EU leisten kann, wenn die Mitgliedsbedingungen passen. Aber dies muss gut überlegt sein, denn ein Zurück gibt es nicht mehr.

Sie setzen sich in „Frontlinien“ auch stark mit der Rolle des Journalisten auseinander und geben sehr persönliche Erfahrungen aus Ihrer Arbeit preis, wie schwer ist es Ihrer Meinung nach, sich nicht mit dem „Zielland zu fraternisieren“ und wie können Journalisten Beobachter bleiben?

Die Fraternisierung halte ich ganz generell für einen Fehler, auch bei Diplomaten. Die Grundaufgabe besteht ja darin, ein Land zu verstehen, aber nach wie vor die innere Distanz zu wahren. Das zweite was wichtig ist, dass „alles verstehen nicht alles verzeihen“ heißt. Man muss diesen Kampf um Begriffe wie etwa eine Abwertung als „Putinversteher“ hinterfragen, denn das halte ich für eine Katastrophe. Wenn ich jemand anderen nicht verstehen darf, dann bin ich fast beim Informationskrieg angelangt und nicht mehr bei einer Debatte. Ich zitiere hier gerne den früheren ORF-Generalintendanten Gerd Bacher: „In der Arena sind die Journalisten auf den Rängen“. Ich bedauere es, dass sich das immer mehr vermischt, die Trennung von Kommentar, Analyse und Bericht zusehends verschwimmt. Das ist etwas sehr Negatives. Man muss allerdings unterscheiden, dass die Blattlinie bei privaten Medien eine Schlagseite hat. Ich finde, bei öffentlich-rechtlichen Medien wie dem ORF, ist das Hören und Sehen der anderen Seite und das vielschichtige Beleuchten eines Themas ein Objektivitätsgebot, das wir so gut wie möglich einhalten müssen. Der einzige Wehrmutstropfen ist wiederum die Frage, zu welchen Quellen und Persönlichkeiten ich tatsächlich Zugang habe. Ich glaube aber auch, dass die Interviews mit Politikern überschätzt werden, dann oftmals ist deren Entourage viel interessanter. Siehe etwa die Interviews, die ich mit dem US-amerikanischen Botschafter Jack F. Matlock und dem britischen Botschafter Rodric Braithwaite, welche die letzten Botschafter in der Sowjetunion waren, führen dufte. Sie hatten viel mehr Einblicke in diesen Jahren als jeder Politiker bekommen. Ich würde auch gerne mit Bill Burns, dem ehemaliger CIA-Chef und einem der besten Russlandkenner sowie Mark A. Millay, Ex-Generalstabchef der US-Streitkräfte sprechen.

In „Mein Journalistenleben“ beziehen Sie sich auf Star Wars, in „Frontlinien“ ist es die Science-Fiction Reihe Perry Rhodan, woher kommt Ihre Faszination für dieses Genre?

Ich lese seit meinem elften Lebensjahr Perry Rhodan und Science-Fiction generell, Isaac Asimov z.B. halte ich für Weltliteratur. Perry Rhodan ist das Gilgameschepos in die Zukunft geschrieben. Es ist schön, wenn man sich einmal in der Woche mit der galaktopolitischen Lage beschäftigen kann und sich nicht fragen muss, wie es in der Ukraine weitergeht. Das ist sehr entspannend für mich. Ganz generell habe ich ganz bewusst das Zitat aus dem Heft Eintausend der Perry Rhodan Reihe von William Voltz meinem Buch vorangestellt, das sich auf dessen Titel bezieht, das Zitat ist das Schönste, was es in Bezug auf Hoffnung gibt.