Offen für neue Chancen

Diplomatic SOCIETY hat mit I.E. Qi Mei, der Botschafterin Chinas, über 55 Jahre diplomatische Beziehungen mit Österreich, kulturellen Austausch und Möglichkeiten für das Wirtschaftswachstum gesprochen.

Dieses Jahr jährt sich die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen China und Österreich zum 55. Mal. Wie beurteilen Sie die historische Entwicklung der chinesisch-österreichischen Beziehungen?

In den vergangenen Jahren ist das politische gegenseitige Vertrauen zwischen China und Österreich kontinuierlich gewachsen und die Zusammenarbeit in verschiedenen Bereichen hat sich dynamisch entwickelt. Beim Rückblick auf die 55 Jahre, die unsere beiden Länder gemeinsam gegangen sind, gibt es zahlreiche wichtige Zeitpunkte und Ereignisse, die es wert sind, in Erinnerung zu bleiben. Ich möchte drei bedeutende Meilensteine hervorheben: Der erste ist der 28. Mai 1971, an dem China und Österreich offiziell diplomatische Beziehungen aufgenommen haben. Damit wurde ein neues historisches Kapitel in den bilateralen Beziehungen aufgeschlagen. Der zweite ist der Staatsbesuch des chinesischen Staatspräsidenten Jiang Zemin im März 1999 in Österreich, – der erste Besuch eines chinesischen Staatsoberhauptes in Österreich. Der dritte ist der April 2018, als der österreichische Bundespräsident Alexander Van der Bellen und Bundeskanzler Sebastian Kurz gemeinsam China besuchten. Präsident Xi Jinping und Präsident Van der Bellen etablierten gemeinsam die freundschaftliche strategische Partnerschaft zwischen China und Österreich, was den Eintritt der bilateralen Beziehungen in eine neue Ära markierte.

Sie sind nun seit drei Jahren als chinesische Botschafterin in Österreich tätig. Welche Rolle, meinen Sie, haben Sie in den bilateralen Beziehungen gespielt?

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass ich mich stets dafür eingesetzt habe, das gegenseitige Verständnis zwischen China und Österreich in den Bereichen Politik, Wirtschaft, Kultur und darüber hinaus zu fördern. Ich möchte meine Arbeitsschwerpunkte mit drei Wörtern zusammenfassen, die alle mit dem Buchstaben „K“ beginnen: Kommunikation, Kooperation und Konsolidierung. „Kommunikation“ bedeutet, durch konstruktive Kontakte, Dialoge und Begegnungen gegenseitigen Respekt und Verständnis zu vertiefen. „Kooperation“ steht für den weiteren Ausbau der Zusammenarbeit zwischen China und Österreich in politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlich-kulturellen Bereichen, um gegenseitigen Nutzen und „Win-win-Ergebnisse“ zu erzielen. „Konsolidierung“ heißt, die traditionelle Freundschaft weiter zu vertiefen, den zwischenmenschlichen Austausch in verschiedenen Bereichen zu intensivieren und die freundschaftliche strategische Partnerschaft zwischen China und Österreich auf eine neue Stufe zu heben.

Beim Rückblick auf die 55 Jahre, die unsere beiden Länder gemeinsam gegangen sind, gibt es zahlreiche wichtige Zeitpunkte und Ereignisse, die es wert sind, in Erinnerung zu bleiben.

Welche Entwicklungen haben sich Ihrer Ansicht nach im vergangenen Jahr in den bilateralen Beziehungen ergeben?

Im vergangenen Jahr sah sich die Welt zahlreichen Herausforderungen und Unsicherheiten gegenüber. Dennoch hat die freundschaftliche strategische Partnerschaft zwischen China und Österreich weiterhin eine stabile und positive Entwicklungsdynamik bewahrt. Die Staatspräsidenten, Regierungschefs und Außenminister beider Länder standen in engem Austausch, und die brachte zahlreiche fruchtbare Ergebnisse hervor:

Eine Sonderausstellung mit Schätzen aus der Verbotenen Stadt wurde im Kunsthistorischem Museum Wien präsentiert; eine chinesische Theatersaison zeigte die Faszination traditioneller regionaler Opernformen Chinas; chinesische Elektrofahrzeuge wurden in der Steiermark vom Band gelassen; in China produzierte Züge verkehren zwischen Wien und Salzburg.

Der Handel gilt als wichtiger Stabilitätsanker der bilateralen Beziehungen. Wie beurteilen Sie den Stand des chinesisch-österreichischen Handels?

Seit der Aufnahme diplomatischer Beziehungen ist das bilaterale Handelsvolumen um mehr als das 400-fache gewachsen. In den vergangenen Jahren war China stets eine der wichtigsten Importquellen Österreichs sowie sein bedeutendster Handelspartner in Asien. Obwohl der bilaterale Handel in den letzten Jahren aufgrund einer Abschwächung der Weltwirtschaft und geopolitischen Konflikte Schwankungen unterlag, konnte sich das bilaterale Handelsvolumen 2025 wieder erholen. Nach chinesischen Statistiken belief sich das Handelsvolumen auf 12,5 Milliarden US-Dollar.

Die wirtschaftliche und handelspolitische Zusammenarbeit zwischen China und Österreich zeichnet sich durch eine starke Komplementarität aus und bildet einen wichtigen Bestandteil der globalen Produktions- und Lieferketten.

Welche Unternehmen oder Projekte betrachten Sie als Vorbilder der China-Österreich-Wirtschaftskooperation?

In unserer Wirtschaftszusammenarbeit ist jedes Unternehmen und jedes Projekt einzigartig. Unvollständigen Statistiken zufolge haben bislang mehr als 650 österreichische Unternehmen in China investiert und dort Geschäftstätigkeiten aufgenommen; es wurden über 1.500 Joint Ventures und Kooperationsprojekte realisiert, die Bereiche wie Halbleiter, Industrieausrüstung, Spezialchemie sowie Automobilkomponenten umfassen.

AT&S ist seit rund 20 Jahren fest in China verwurzelt und gilt als führendes österreichisches Investitionsunternehmen vor Ort. ANDRITZ AG hat in fünf chinesischen Städten hundertprozentige Tochtergesellschaften, Niederlassungen oder Produktionszentren eingerichtet und führt mit chinesischen Partnern wie China Energy Engineering Group Gezhouba International und der Industrial and Commercial Bank of China Drittmarktkooperationen im Ausland durch. Auch Lenzing AG, Plasser & Theurer und Doppelmayr haben in China ihre eigenen Erfolgsgeschichten geschrieben.

Bislang haben mehr als 50 chinesische Unternehmen in Österreich investiert. Darunter befinden sich sowohl namhafte Großunternehmen wie die Industrial and Commercial Bank of China, die Bank of China, Huawei, ZTE und CRRC als auch Privatunternehmen wie Wanfeng Auto Holding Group, Ningbo Jifeng Auto Parts und Anhui Zhongding Holding Group. Die chinesischen Unternehmen in Österreich treiben die Zusammenarbeit in den Bereichen Dienstleistungen, Forschung und Entwicklung sowie Innovation voran, schaffen zahlreiche Arbeitsplätze und zahlen jährlich mehr als 100 Millionen Euro an Steuern.

In welchen Bereichen könnten China und Österreich Ihrer Ansicht nach ihre wirtschaftliche Zusammenarbeit weiter vertiefen?

Als weltweit zweitgrößte Volkswirtschaft mit einem durchschnittlichen jährlichen Wachstum von rund fünf Prozent in den vergangenen Jahren und einem riesigen Markt von 1,4 Milliarden Konsumenten verfügt China über ein stabiles politisches Umfeld, vollständige Liefer- und Dienstleistungsketten, eine moderne Infrastruktur sowie reichlich qualifizierte Arbeitskräfte.

In den 55 Jahren seit der Aufnahme diplomatischer Beziehungen haben China und Österreich in verschiedenen Bereichen eine solide Grundlage für die Zusammenarbeit geschaffen. Unternehmen beider Länder pflegen enge Kontakte, verfügen über umfangreiche Kooperationserfahrungen und genießen ein hohes Maß an gegenseitigem Vertrauen. Im Zuge der rasch voranschreitenden Modernisierung chinesischer Prägung erweitert sich das Marktvolumen kontinuierlich und eröffnet der bilateralen Wirtschafts- und Handelskooperation enorme Geschäftschancen.

Neben den traditionellen Bereichen Handel und Investitionen bestehen vielversprechende Perspektiven in den Bereichen fortgeschrittene Fertigung, neue Energien, Umwelttechnologien, digitale Wirtschaft, ökologische Landwirtschaft, KI, Gesundheitswesen, Unternehmensgründungen sowie Kooperationen im Rahmen der Belt and Road Initiative.

Angesichts der Erschütterungen im internationalen Handelssystem und einer nachlassenden Wettbewerbsfähigkeit einiger europäischer Länder wie Österreich: Wie kann die österreichische Bundesregierung unter diesen Bedingungen mehr Unternehmen aus China und anderen Ländern zur Ansiedlung bewegen?

Österreich ist ein attraktiver Markt und wird von vielen chinesischen Unternehmen als Brückenkopf für die Erschließung der mittel- und osteuropäischen Märkte betrachtet. Aus Sicht der in Österreich tätigen chinesischen Unternehmen bestehen die größten Herausforderungen vor allem in Sprach- und Kulturbarrieren, in den komplexen Rechts- und Verwaltungsvorschriften der EU und Österreichs sowie in hohen Produktionskosten. In den vergangenen Jahren sind Fragen wie die Gewährleistung einer fairen Behandlung, die Sicherung funktionierender Produktions- und Lieferketten sowie der Erhalt von Marktanteilen für Unternehmen zunehmend in den Vordergrund gerückt.

China und Österreich sind beide Befürworter der wirtschaftlichen Globalisierung, Unterstützer des Multilateralismus und Nutznießer der Handelsliberalisierung. Seit Langem arbeiten wir in internationalen Angelegenheiten eng zusammen. Angesichts eines komplexen internationalen Umfelds ist China bereit, die Koordination und Zusammenarbeit mit der österreichischen Seite weiter zu intensivieren, gemeinsam gegen Unilateralismus und Protektionismus einzutreten, echten Multilateralismus zu praktizieren, die Autorität der Vereinten Nationen, die internationalen Handelsregeln und die Weltwirtschaftsordnung zu wahren.

Präsident Xi Jinping sagt: „Die Freundschaft zwischen Nationen beruht auf der Nähe der Menschen“. Können Sie die Entwicklungen im Personenverkehr und kulturellem Austausch zwischen China und Österreich schildern?

Die Völker Chinas und Österreichs haben trotz sprachlicher und kultureller Unterschiede tiefe Freundschaften aufgebaut, und die Ergebnisse des kulturellen Austauschs sind reichhaltig. Über 20 Partnerschaften zwischen Provinzen und Bundesländern sowie Städtepartnerschaften decken mittlerweile acht österreichische Bundesländer ab. Beide Länder verfügen über eine große Tourismusbranche.

Die einseitige Visafreiheit Chinas für österreichische Staatsbürger wirkt weiterhin positiv: Inhaber regulärer österreichischer Reisepässe können visafrei nach China reisen, um Geschäfte zu tätigen, Urlaub zu machen, Verwandte zu besuchen oder nur durchzureisen. Es bestehen Direktflüge von Wien nach Peking, Shanghai, Chengdu und Shenzhen; die Flugstrecke von Xi’an nach Wien wird demnächst eröffnet, und die Anzahl der Flüge zwischen beiden Ländern steigt kontinuierlich. Im Jahr 2025 reisten über 500.000 chinesische Touristen nach Österreich, mit fast einer Million Übernachtungen. Etwa 50.000 Österreicher besuchten China zu Tourismus- oder für Investitionszwecke.

Viele Europäerinnen und Europäer halten China für weit entfernt und wissen wenig über Ihr Land. Halten Sie China und Österreich für völlig unterschiedliche Länder?

Tatsächlich gibt es zwischen uns viele Gemeinsamkeiten. Kulturell verfügen beide Länder über eine lange Geschichte und eine glanzvolle Kultur. Die 5000-jährige chinesische Zivilisation hat ein umfassendes philosophisches System und eine Reihe bedeutender Erfindungen hervorgebracht, die einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung der menschlichen Zivilisation geleistet haben. Viele Österreicherinnen und Österreicher haben in ihren jeweiligen Bereichen bahnbrechende Leistungen erzielt.

Auf staatlicher Ebene sind sowohl China als auch Österreich friedliebend, setzen sich für Offenheit ein und verfolgen konsequent Multilateralismus.

Angesichts einer schwachen globalen Wirtschaft und der beschleunigten Entwicklung einer neuen technologischen Revolution: Wie beurteilen Sie die Aussichten der chinesischen Wirtschaft?

Im Jahr 2025 setzte die chinesische Wirtschaft ihren Aufwärtstrend fort und erzielte trotz zunehmender externer Belastungen ein Wachstum von 5,0%. Das Bruttoinlandsprodukt überschritt erstmals 140 Billionen, was die Widerstandsfähigkeit der chinesischen Wirtschaft unterstreicht. Internationale Organisationen wie der Internationale Währungsfonds haben ihre Wachstumserwartungen für China nach oben korrigiert, was zeigt, dass die internationale Gemeinschaft optimistisch in die wirtschaftliche Zukunft Chinas blickt.

Das Jahr 2026, als Auftaktjahr des 15. Fünfjahresplans, bietet günstige Bedingungen und solide Unterstützung für ein positives Wirtschaftswachstum in China.

Wie sehen Sie die Beziehung zwischen Chinas Entwicklung und der Welt?

Chinas Entwicklung ist untrennbar mit der Welt verbunden, und die Prosperität und Stabilität der Welt braucht China. Langfristig liegt Chinas Beitrag zum globalen Wirtschaftswachstum im Jahresdurchschnitt bei etwa 30 %. Derzeit erweitert China schrittweise seine institutionalisierte Öffnung und setzt auf qualitativ hochwertige Entwicklung, um der Welt kontinuierlich chinesische Erkenntnisse und Lösungen für Frieden und Stabilität zur Verfügung zu stellen.

In den vergangenen fünf Jahren wurden in China insgesamt 229.000 neue ausländische Unternehmen gegründet, und regionale Hauptsitze sowie Forschungs- und Entwicklungszentren multinationaler Unternehmen haben zugenommen. Der Markt profitiert von über 1,4 Milliarden Menschen, was ihn zu einem der größten weltweit macht.

China hat unilateral Visafreiheit oder erleichterte Einreisebestimmungen für 48 Länder eingeführt und unterstützt damit aktiv die grenzüberschreitende Mobilität von Menschen.