Anna Badora: Dreizehn Frauen

Die ehemalige Direktorin des Wiener Volkstheaters, Anna Badora, hat ein Buch geschrieben: „13 Leben“  heißt es und ist am 17. Februar im Ueberreuter Verlag erschienen.

Badora portraitiert darin 13 – teils sehr unterschiedliche – Frauen im Alter zwischen 17 und 92 Jahren, die aber, so sagt die Autorin im SOCIETY Interview, vieles gemeinsam haben.

„Die Frauen verbindet der Glaube an die eigene Wirksamkeit und an die eigenen Utopien, an denen sie unbeirrt festhalten und an deren Umsetzung sie beharrlich arbeiten, gegen alle Widerstände, alle Hindernisse, alle Rückschläge. Ein ,Geht nicht‘ haben sie nie akzeptiert, sondern nach Wegen gesucht, und meist gefunden, um ihre Ziele trotzdem zu erreichen. Interessanterweise haben die Ziele der hier portraitierten Frauen häufig etwas mit der Verbesserung der Lebensumstände Anderer zu tun. Für eitle Selbstdarstellungen haben diese Frauen keine Zeit. Es geht ihnen immer um die Sache, nie um den möglichen Ruhm, den sie damit ernten könnten“, betont Anna Badora.

Badora hebt im Interview außerdem hervor, dass diese Frauen häufig die ersten in ihren Bereichen waren. „Sie konnten also nicht auf bestimmte Erfahrungswerte, Routinen oder Blaupausen zurückgreifen, wodurch sie teilweise sehr ungewöhnliche Wege gingen, ja neue Wege finden mussten“, sagt sie.

Badora erinnert sich dabei auch an persönliche Erfahrungen, die sie im Laufe ihrer Karriere gemacht hat: „Als ich am Düsseldorfer Schauspielhaus 1996 Generalintendantin wurde, fragten mich manche, wie ich mich als erste Frau auf dem Thron von Gustaf Gründgens fühle, der bis 1951 dort als Generalintendant wirkte. Natürlich hatte ich gegen dieses Bild in den Köpfen der Politiker und Zuschauer zu kämpfen und musste eine eigene Handschrift entwickeln. Viele der Frauen in meinem Buch haben ebenso mit sich gerungen und mit der Welt gehadert, sich aber letztlich durchgesetzt, wie ich auch“.

„Ich habe vor allen portraitierten Frauen großen Respekt für den schwierigen Weg, den sie gewählt haben, für ihre Grundhaltung,  gerade weil ich es durch meine eigene Biografie so gut nachvollziehen kann“, fügt sie hinzu.

Einige der 13 Frauen von deren Lebensgeschichte Anna Badora in ihrem Buch erzählt: Adele Neuhauser, Barbara Imhof, Ezra Özmen, Katja Schechtner (c) Thomas Finkenstaedt

Wie alles begann

Aber warum genau diese dreizehn Frauen? „Die hatte ich nicht alle von Anfang an im Blick. Das hat sich entwickelt“, erklärt Badora.

„Begonnen hat alles mit dem Anruf eines Freundes aus Deutschland, der mich fragte, ob ich diese österreichische Extremsportlerin kenne, die in einem Jahr gleich zwei Weltrekorde aufgestellt hatte“. Badoras Freund meinte damit Alexandra Meixner, die neben ihrem Beruf als Frauenärztin regelmäßig Triathlons und Ultramarathons in aller Welt bestreitet. „Mir war es unverständlich, dass ich noch nie von ihr gehört hatte, obwohl sie im Waldviertel nur rund 70 km von mir in Wien entfernt wohnt. Meine Neugier war geweckt, und ich startete  eine Internetrecherche und kam bald aus dem Staunen über diese unglaubliche Frau nicht mehr heraus. Später habe ich dann auch noch von der Weltraumarchitektin Barbara Imhof erfahren. Ezra Özmen kannte ich von den Wiener Festwochen, und ich selbst habe ein paar spannende Freundinnen, wie Beate Winkler, die ich dann auch nach ihrer Lebensgeschichte gefragt habe“, erzählt Badora über die Entstehungsgeschichte des Buches. So ergab sich ein recht spannendes Potpourri an Lebensgeschichten – von Österreichs erster Bundeskanzlerin, über eine Mobilitäts- und Urbanitätsforscherin, die am MIT in den USA forscht, bis hin zu einer jungen Rapperin aus Ottakring, die sich gegen Diskriminierung und Marginalisierung einsetzt.

„Österreich ist so reich an spannenden Frauen, von denen man häufig nur im engsten Kreis etwas erfährt, obwohl sie Unglaubliches leisten. Das Buch portraitiert 13 davon“, ergänzt sie.

Das Buch gibt jedenfalls nicht nur Einblicke in das Leben und den Werdegang dieser dreizehn Frauen. Es teilt mit den LeserInnen nicht nur deren Höhen und Tiefen, ihre Einsichten, ihre Haltungen, ihre Motivation, sondern lässt uns auch teilhaben an deren außergewöhnlichen Berufswelten. Denn wer weiß schon, was eine Weltraumarchitektin macht, und wie wird man überhaupt eine Mobilitätsexpertin?

Die Autorin und das Theater

Auch Badora selbst hat Ende der 70er Jahre als erste weibliche Regie-Studentin des Max Reinhardt Seminars in Wien weitestgehend unbekannte Pfade betreten. Im SOCIETY Interview erinnert sie sich an diese Zeit zurück: „Ich komme aus Polen, wo das Regiestudium sehr lange dauert, es aber dennoch einige Frauen gab, die Regie führten und als Intendantinnen arbeiteten. Ich kam dann nach Wien, wo Frauen in der Regie noch als Exoten betrachtet wurden. Das  hatte mich völlig überrascht, dieser fortschrittliche Westen, und zugleich gab es im deutschsprachigen Raum zu der Zeit nicht eine einzige weibliche Intendantin an einem größeren Haus.“

Badora war jedenfalls in ihrem Bereich sehr häufig „die Erste“, konnte damit auf keine Erfahrungswerte zurückgreifen, musste ungewöhnliche Wege gehen  und war entsprechend oftmals übertriebener Kritik ausgesetzt.

„Nehmen Sie nur mal meine Pressekonferenz, in der ich mich als frisch gekürte Generalintendantin in Düsseldorf der Öffentlichkeit vorstellte. Ich nahm mein ganzes Team mit auf die Bühne, denn ich empfand meine Arbeit als Teamwork. Das wurde in der Presse dann als Beweis angesehen, dass ich keine Führungsstärke habe, weil ich mich ja hinter anderen verstecke“, berichtet sie.

In den letzten Jahrzehnten gab es diesbezüglich aber endlich auch Fortschritte: „Als ich damals in den Zeiten meiner ersten Regieaufträge schwanger wurde, habe ich die Schwangerschaft noch verstecken müssen. Ich war mir sicher, dass kein Intendant meinen Anstellungsvertrag unterschrieben hätte, wenn dieser Umstand bekannt gewesen wäre.“

„In diesem Bereich hat sich viel getan“, ergänzt Badora. „heute bieten viele Theater sogar Kinderbetreuungseinrichtungen an, um den Müttern das Weiterarbeiten als Schauspielerin zu ermöglichen“.

„Heute gibt es in der Kultur andere Konfliktlinien“, stellt Badora aber fest. „So kollidiert die Kunstfreiheit und Kampf um Kreativität am Theater  zunehmend  mit bürokratischen Vorgaben, die sich aus „politisch korrekten“ Verhaltensauflagen ergibt. Das bedeutet für die Freiheit der Kunst eindeutig einen Rückschritt. Nehmen Sie nur mal das strikte Rauchverbot auf den Bühnen. Manche Stücke leben dramaturgisch von dem Qualm, der von den Zigaretten der Protagonisten über die Bühne wabert. Wo bleibt da die Kunstfreiheit, wenn Rauchen auf der Bühne gänzlich verboten wird?“, fragt sie.

Vorbilder oder nicht?

Brauchen Frauen Vorbilder, um selbst erfolgreich sein zu können? „Ich denke, jede Frau macht eigene Erfahrungen und ich traue den allermeisten durchaus zu, dass sie aus ihrem Instinkt heraus ihre eigenen Handlungsanweisungen entwickeln“, sagt sie. „Aber Vorbilder sind extrem wichtig, um den Boden in der Gesellschaft zu bereiten für weitere ungewöhnliche Wege. Mit jeder erfolgreichen Blaupause wird es für die nächste Frau ein Stück weit einfacher, ihren eigenen Weg zu gehen. Deshalb war es mir auch so wichtig, diese 13 Frauen zu portraitieren. Möge jedes dieser Portraits anderen Frauen helfen, Einsichten zu gewinnen, ohne selber an manchen Gabelungen falsch abbiegen zu müssen.“

Badora erinnert sich hier besonders an ihre Tante als eine Art Vorbild für sie. Als geschiedene Frau lebte diese selbstständig als Journalistin und Schriftstellerin in Polen. „Ich habe sie sehr geliebt und war ihr wohl auch in manchen Aspekten ähnlich. Noch mit über 90 hat sie Bücher geschrieben. Sie hat für mich die Energie, Beharrlichkeit und Selbstständigkeit verkörpert, die auch ich Zeit meines Lebens in mir spürte.  Ich hatte Glück, dass ich so lange so viel von ihr lernen konnte.“

Ein persönliches Fazit

„Durch das Schreiben des Buches habe ich erstmals realisiert, dass ich in einer Art Theaterblase gelebt habe. Von vielen außerordentlich spannenden Berufswelten, in die ich nun einen Einblick erhalten habe, wusste ich gar nicht, dass sie überhaupt existieren. Ich wusste vorher nicht, was eine Weltraumarchitektin macht und wusste auch nichts vom Nervensystem der Pflanzen, vom Metaverse und NFTs. Natürlich hat man als engagierte Fachfrau nie die Zeit, Universalgelehrte zu werden, aber es sind teils wesentliche Bereiche der Gesellschaft, die mir so viele Jahrzehnte verborgen geblieben sind“, antwortet sie auf die Frage, welche Lehren sie persönlich aus den Gesprächen mit den Frauen gezogen hat. 

Auch in Zukunft will Badora weiter schreiben, das Thema will sie aber noch nicht offenbaren.

Ein Treffen aller Frauen ihres Buches ist ebenfalls in Planung, erzählt Badora. „Was für außergewöhnlich spannende und bereichernde Gespräche werden entstehen, wenn diese 13 ungewöhnlichen Frauen auf einander treffen“, so hofft sie.

„Dreizehn Leben“ ist jedenfalls eine gelungene Buch-Premiere Anna Badoras, die inspiriert und dazu ermutigt, auch einmal abseits bekannter Pfade zu wandern.

Den Link zum Buch finden Sie hier.

(c) Fotos: Thomas Finkenstaedt

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