Eine beeindruckende Frau: Hildegard Burjan

Wissen Sie, wer Hildegard Burjan war? Sicher haben Sie schon von der Bahnhofsmission oder von der Caritas Socialis gehört? Beides – und noch vieles mehr – geht auf Hildegard Burjan, auf ihre Arbeit und ihre Initiativen zurück. Wer war diese Frau?

Text von Maria Rauch-Kallat

Hildegard Burjan war eine außergewöhnliche Frau, deren Wirken weit über ihre Zeit hinausreicht. Geboren 1883 in Görlitz als Hildegard Lea Freund, wuchs sie in einer wohlhabenden jüdischen Familie auf. Ihre Kindheit und Jugend waren geprägt von Bildung, kulturellem Interesse und sozialem Bewusstsein – Eigenschaften, die später ihr Lebenswerk entscheidend formen sollten. Nach ihrem Schulabschluss studierte sie Philosophie in Zürich und Berlin – eine damals für Frauen noch seltene Möglichkeit. Dort entwickelte sie ein tiefes Interesse an gesellschaftlichen Fragen, insbesondere an der Rolle der Frau in einer sich rasch wandelnden Welt.

Ein einschneidendes Ereignis in ihrem Leben war eine schwere Krankheit im Jahr 1908. Während dieser Zeit — sie war bereits mit dem Ingenieur Alexander Burjan verheiratet — kam sie mit der katholischen Kirche in Berührung. Liebevoll gepflegt von geistlichen Schwestern, ließ sie sich 1909 taufen und blieb ihrer neuen Überzeugung fortan treu. Diese Bekehrung war kein bloßer Akt der Frömmigkeit, sondern wurde zum Ausgangspunkt ihres praktischen Glaubens: Hildegard Burjan verband Spiritualität mit konkreter sozialer Verantwortung.

Schon bald nach ihrer Genesung begann sie, sich mit voller Energie der Unterstützung notleidender Menschen zu widmen. Sie erkannte die sozialen Probleme der damaligen Industriegesellschaft – die Armut von Arbeiterfamilien, die Ausbeutung von Frauen in Heimarbeit, die Benachteiligung von Kindern und Alleinerziehenden. Besonders das Schicksal der Heimarbeiterinnen berührte sie tief: unterbezahlt, ohne soziale Absicherung, oft gezwungen, ihre Kinder zu vernachlässigen. Burjan gründete 1912 den Verein „Soziale Hilfe“, der diesen Frauen Beratung, finanzielle Unterstützung und Bildung bot. Ihr Ziel war es, den Betroffenen nicht bloß Almosen zu geben, sondern Wege zur Selbstständigkeit zu eröffnen – ein damals revolutionärer Gedanke.

Während des Ersten Weltkriegs weitete sie ihre Aktivitäten aus. Sie sorgte für Versorgungseinrichtungen und organisierte Hilfsdienste für Familien, deren Männer an der Front waren.

1915 gründete sie das erste Mutter-Kind-Heim, das unverheirateten Schwangeren Schutz, Wohnung und Hilfe zur Verfügung stellte. Auch die Bahnhofsmission in Österreich geht auf ihre Initiative zurück.

1918 gründete sie die „Gemeinschaft der Christlichen Arbeiterinnen“, ein Vorläufer der späteren Kongregation der Caritas Socialis, die sich karitativen und sozialen Aufgaben widmete. Diese Gemeinschaft existiert noch heute und führt Burjans Erbe in Krankenhäusern, Pflegeheimen und sozialen Projekten fort.

Hildegard Burjan war jedoch nicht nur Sozialreformerin, sondern auch eine der ersten Frauen, die in Österreich aktiv Politik betrieb. 1919, unmittelbar nach Einführung des Frauenwahlrechts, wurde sie als erste und einzige Christlichsoziale Frau in den Wiener Gemeinderat und später in die konstituierende Nationalversammlung gewählt. Mit den Stimmen der Heimarbeiterinnen hatte sie den Wahlsieg der Christlichsozialen entscheidend beeinflusst.

Ihr Einsatz galt insbesondere der Gleichberechtigung der Frauen, der Anerkennung der Familienarbeit und der Einführung gerechter Arbeitsbedingungen. Sie setzte sich für faire Löhne, Arbeitsschutzgesetze und ein Verbot der Kinderarbeit ein. Dabei war sie stets bemüht, Brücken zwischen gesellschaftlichen Gruppen zu bauen und ideologische Gräben zu überbrücken.

Burjan verstand Politik als Dienst am Menschen, nicht als Bühne für Machtinteressen. Sie war hochgeachtet und wurde auch vom politischen Gegner als „Gewissen des Parlaments“ bezeichnet. Aufgrund des zunehmenden Antisemitismus in der eigenen Partei verzichtete sie von sich aus 1923 auf eine Wiederkandidatur.

Ihr Lebensstil blieb einfach. Trotz ihres Wohlstands lebte sie bescheiden und teilte ihren Besitz großzügig mit Bedürftigen. Ihr Haus war ein Ort der Offenheit, an dem Menschen in Not stets Hilfe fanden.

Sie starb 1933 in Wien nach langer Krankheit, erst 50 Jahre alt. Ihr Tod hinterließ eine große Lücke, doch ihr Werk lebte weiter – insbesondere durch die Caritas Socialis, deren Mitglieder ihren Geist in der täglichen Arbeit fortführen.

2012 wurde Hildegard Burjan von Papst Benedikt XVI. seliggesprochen – eine späte, aber verdiente Anerkennung ihrer Lebensleistung. Eine Stele mit ihrem Portrait befindet sich im Wiener Stephansdom. Ihre Botschaft bleibt aktuell: soziale Gerechtigkeit beginnt mit der Anerkennung der Menschenwürde jedes Einzelnen.

Hildegard Burjan war eine Frau, die den Mut hatte, konventionelle Grenzen zu überschreiten. Sie war Intellektuelle, Aktivistin, Politikerin und Mystikerin in einer Person. Ihre Vision einer solidarischen Gesellschaft, in der Frauen, Arme und Schwache eine Stimme haben, wirkt bis in die Gegenwart hinein.