Botschafter der Musik

Diplomatic SOCIETY hat mit dem chinesischen Starpianisten Lang Lang über seinen künstlerischen Werdegang und seine Liebe zur Musik gesprochen.

Sie haben bereits im Alter von drei Jahren begonnen, Klavier zu lernen – was hat Sie an diesem Instrument fasziniert? Und wann wurde Ihnen bewusst, dass Sie eine professionelle Musikerkarriere anstreben möchten?

Ich begann mit drei Jahren Klavier zu lernen. Zunächst muss man den gesellschaftlichen Kontext der frühen 1980er-Jahre betrachten. Damals lernten sehr viele Kinder ein Instrument, und das Interesse an Musik war sehr groß. In dem Wohnhaus in Shenyang, in dem ich aufwuchs, hörte man oft Klaviermusik. Fast alle Kinder lernten Klavier oder Geige – das hatte einen großen Einfluss auf mich. Ich verliebte mich in den Klang des Klaviers und entschied mich daher für dieses Instrument.

Eine treibende Kraft war mein Vater. Er war früher Erhu-Spieler, ließ mich jedoch keine traditionelle chinesische Musik lernen, sondern bestand darauf, dass ich Klavier spielte. Er war der Ansicht, dass das Klavier der „König der Instrumente“ sei. Seine Entscheidung hat letztlich meinen Lebensweg und meine musikalische Richtung bestimmt.

Die Idee, eines Tages professioneller Pianist zu werden, entstand zum ersten Mal, als ich im Alter von fünf Jahren auf der Bühne spielte. Schon bei diesem ersten Auftritt war ich von der Reaktion des Publikums beeindruckt – der Applaus, die Anerkennung. Dieses Gefühl von Ehre war unglaublich faszinierend. Außerdem erlebte ich eine besondere Interaktion und Harmonie mit dem Klavier, die es mir ermöglichte, viele meiner Emotionen auszudrücken. Von diesem Moment an wollte ich professioneller Pianist werden.

Können Sie uns noch etwas mehr über Ihre Kindheit und Ihre frühe Entwicklung erzählen? Hatten Sie neben dem Klavierspiel auch Zeit für andere Aktivitäten?

Meine Kindheit verbrachte ich größtenteils mit den Tasten – das Klavier war meine ganze Welt, und ich übte praktisch jeden Tag. Mein Vater stellte damals hohe Anforderungen an mich. Wenn er arbeiten musste und mich nicht direkt beaufsichtigen konnte, nahm ich alles auf einem Tonbandgerät für ihn auf. Wenn er nach Hause kam und sich mehrere Stunden Aufnahmen anhörte, war er beruhigt.

Ich liebe Wien sehr. Es ist nicht nur eine schöne Stadt, sondern auch die Wiege der klassischen Musik

Abgesehen vom Klavierspiel war ich ein großer Fußball- und Cartoon-Fan. Ich war damals völlig fasziniert von „Tom und Jerry“ – die lustigen Bilder und die Musik ließen mich die Magie der klassischen Musik besonders intensiv spüren.

Obwohl ich jeden Tag intensiv übte, gaben mir das Anschauen von Fußballspielen Energie und die Zeichentrickfilme Inspiration und Fantasie. Diese beiden Hobbys verliehen mir Kraft und Motivation für das Klavierspiel. Rückblickend waren diese Jahre zwar anstrengend, aber zugleich unglaublich erfüllend.

Ihr Vater hat einmal gesagt: „Druck wird immer in Motivation umgewandelt.“ Stimmen Sie dieser Aussage zu?

In gewisser Weise stimme ich zu, dass Druck in Motivation umgewandelt werden kann. Ohne Druck ist es oft zu bequem – man möchte nichts tun und erreicht auch nichts. Allerdings kann übermäßiger oder unnötiger Druck schädlich sein und sogar das Gegenteil bewirken.

Es ist ein bisschen wie beim Stimmen eines Klaviers: Druck ist wie die gespannte Saite. Ist sie zu locker, entsteht kein guter Klang; ist sie zu straff, reißt sie. Es kommt also darauf an, das richtige Gleichgewicht zu finden.

Außerdem muss Druck ein passendes Ventil finden, damit er in Motivation umgewandelt werden kann. Mein Vater war genau derjenige, der mir dabei geholfen hat. Er zwang mich damals zum Üben und begleitete mich sogar ins Ausland – diese Zeiten waren wirklich überwältigend. Man sollte Druck also nicht meiden, sondern lernen, mit ihm umzugehen.

In meiner Jugend war der Druck der strenge Blick und die Erziehung meines Vaters; nach meinem Durchbruch war er die ständige Suche nach neuen künstlerischen Höhen. Gerade dieser innere Antrieb in den verschiedenen Lebensphasen hat meine Fähigkeiten und meinen Charakter geformt – manchmal lässt er einen die beste Version seiner selbst entdecken.

Wie entscheiden Sie, welche Werke Sie als Nächstes spielen und wie bereiten Sie sich auf ein Konzert vor?

In diesem Jahr bereite ich die vollständigen fünf Beethoven-Klavierkonzerte vor, zusätzlich zu einigen bekannten Sonaten, die aufgenommen werden sollen. Ich versuche jedes Jahr, Werke unterschiedlicher Komponisten zu erkunden. Das liegt daran, dass ich von klein auf eine universelle Spielweise anstrebte – sie erfordert ein sehr großes Repertoire und die Fähigkeit, unterschiedliche Stücke interpretieren zu können.

Ich folge also weiterhin meiner künstlerischen Linie von frühester Kindheit an: vom westlichen zum östlichen Repertoire, vom Barock über die Klassik und Romantik bis hin zur modernen Musik. Ich möchte alle großen Stile ausprobieren und wähle jedes Jahr aus dem riesigen musikalischen Schatz neue Stücke aus.

Welcher innere Antrieb macht sie zu den herausragendsten Pianisten unserer Zeit? Man kann sagen, dass Sie weltweit eine Art „Popstar“-Status erreicht haben – wie gehen Sie mit Ruhm, Erwartungen und Verantwortung um?

Ich freue mich sehr und empfinde es als große Ehre, dass ich auf der ganzen Welt ein Publikum habe, das meine Musik schätzt. Für mich bedeutet das jedoch auch eine größere Verantwortung, meinen Einfluss in zwei Richtungen einzusetzen.

Erstens möchte ich als klassischer Pianist mehr Menschen für die klassische Musik – diese edle Kunstform – begeistern. Zweitens möchte ich als Chinese auf der internationalen Bühne chinesische Musik, Kunst und Kultur vorstellen und so mehr Menschen für China interessieren.

So war ich beispielsweise in mehreren wichtigen chinesischen Städten als internationaler Image- oder Tourismusbotschafter tätig und habe zahlreiche internationale Kunstfestivals als gemeinnütziger Botschafter unterstützt. Diese Aufgaben tragen dazu bei, China zu repräsentieren und den kulturellen Austausch zwischen Ost und West zu fördern.

Kurz gesagt: Je größer der Einfluss, desto größer die Verantwortung. Ich hoffe, noch mehr bewirken und noch bessere Arbeit leisten zu können.

Darüber hinaus habe ich sowohl in China als auch international eigene Kunststiftungen gegründet. Bis heute haben wir mehr als 100 Schulen in ärmeren Regionen unterstützt und dort „Tastaturen der Inspiration“ eingerichtet – Musikräume, die Kindern Zugang zur Musik ermöglichen.

Kurz gesagt: Je größer der Einfluss, desto größer die Verantwortung. Ich hoffe, noch mehr bewirken und noch bessere Arbeit leisten zu können.

Sie sind auf nahezu allen bedeutenden Bühnen der Welt aufgetreten – gibt es einen Ort, der Ihnen besonders am Herzen liegt?

Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, würde ich gern an einigen weltberühmten historischen Stätten auftreten – sowohl international als auch in China. Ich erinnere mich noch gut an mein Konzert im vergangenen Jahr vor den Pyramiden von Gizeh in Ägypten – das war eine sehr beeindruckende Erfahrung.

Auf diese Weise können wir durch Konzerte nicht nur Musik vermitteln, sondern auch das kulturelle Erbe vergangener Zivilisationen präsentieren – einschließlich der chinesischen Kultur und Zivilisation.

Sie sind mehrfach auch in Österreich aufgetreten – wie würden Sie Ihre Beziehung zu Wien beschreiben?

Ich liebe Wien sehr. Es ist nicht nur eine wunderschöne Stadt, sondern auch die Wiege der klassischen Musik. Das Publikum versteht, liebt, diskutiert und respektiert Musik. Auch die Bühnen tragen eine große historische Bedeutung.

Ich trete jedes Jahr hier auf – sei es im Musikverein, im Schloss Schönbrunn oder in anderen Konzertsälen. Jeder Auftritt hier ist ein unvergessliches Erlebnis. In Wien zu spielen bedeutet, die reinste musikalische Atmosphäre zu spüren und ein Publikum zu erleben, das besonders sachkundig, feinfühlig und zugleich leidenschaftlich ist.

Jedes Mal, wenn ich hier auf der Bühne stehe, fühle ich mich im Dialog mit Mozart, Beethoven oder Schubert – es ist sowohl eine Ehre als auch ein Ansporn, ein Neubeginn und zugleich eine Rückkehr.

Sie sind offiziell als „Steinway-Künstler“ anerkannt – was macht Steinway-Flügel so besonders?

Es ist eine große Ehre, Steinway-Künstler zu sein, denn es ist zweifellos eines der besten Klaviere der Welt. Gleichzeitig ist es für mich wie ein bester Freund.

Das Besondere an Steinway liegt in der außergewöhnlichen Klangtiefe, der feinen Reaktionsfähigkeit der Tasten sowie in der unvergleichlichen Resonanz und Stabilität. Es ist kein kaltes Instrument, sondern eher ein künstlerischer Partner, mit dem man in einem tiefen Austausch steht.

Es fängt selbst die kleinsten emotionalen Nuancen des Spielers ein – vom leisesten Pianissimo bis zu kraftvollen Fortissimo-Passagen – und erzeugt dabei einen klaren, singenden Klang. Dadurch kann ich mich vollständig auf die Musik und die freie Ausdruckskraft konzentrieren.

Welche Pläne haben Sie für die Zukunft?

Meine Hoffnung für die Zukunft ist es, die klassische Musik weiter zu verbreiten – ebenso wie die chinesische Musik. Ich werde weiterhin auf der Bühne spielen, verschiedene Werke und Stile erkunden und meinem Publikum noch mehr wunderschöne Musik bringen.

Außerdem liegt mir die musikalische Bildung sehr am Herzen. Ich hoffe, dass die Welt durch Musik bereichert, inspiriert und vielleicht auch ein Stück harmonischer und respektvoller wird.

Ich glaube nicht, dass ich jemals von der Musik „in Pension“ gehen werde. Man kann von einem Beruf in den Ruhestand gehen – aber Musik ist kein Beruf, von dem man sich zurückziehen muss. Sie ist eine Lebensweise, ein Band, das Herzen verbindet, und ein Mittel, mit der Welt zu kommunizieren.

Ganz gleich, wie viele Konzerte ich in Zukunft geben werde – Musik wird immer ein bestimmendes Element meines Lebens sein. Sie ist ein lebenslanger Begleiter und ein Teil meines Wesens.

Fotos: Olaf Heine // Management Lang Lang