Zur Schwäbischen Jungfrau

Mit ihrem fröhlichen Wesen zieht uns die 83-jährige Innenstadtlegende Hanni Vanicek beim SOCIETY-Interview in ihrem Geschäft am Graben sofort in ihren Bann – ebenso mit ihren zahlreichen Geschichten.

Vom malaysischen König, der seinen Palast von der „Schwäbischen Jungfrau“ mit feinsten Stoffen und edler Wäsche ausstatten ließ, über ein illustres Abendessen mit Luciano Pavarotti bis hin zu Whoopie Goldbergs Überraschungsbesuch in ihrem Wiener Traditionsgeschäft – die heute 83-jährige Geschäftsführerin hat viel erlebt.

Mit ihren Erfahrungen könnte sie zahlreiche Bücher füllen – ihr erstes ist im Oktober letzten Jahres auch bereits erschienen. „Das Geschäft ist meine Bühne“ heißt es und wurde von der österreichischen Autorin Freya Martin aufgezeichnet. „Es ist ein sehr wienerisches Buch und ich bin stolz darauf“, betont Hanni Vanicek im Interview. Mit nur 21 Jahren übernahm Hanni Vanicek 1959 die Schwäbische Jungfrau. Das Wäschewarengeschäft bestand zu diesem Zeitpunkt bereits über 240 Jahre und hatte schon zahlreiche BesitzerInnen überdauert. Vor der Übernahme war Vanicek viel gereist, hatte ihren Vater als seine Assistentin in ganz Europa begleitet. Ihr eigentlicher Traum war es damals, Opernsängerin zu werden und auf der Bühne zu stehen, das Schicksal wollte es aber anders: Sie sollte jene Person werden, die die 1720 von einem nach Wien übersiedelten schwäbischen Leinwandhändler gegründete Schwäbische Jungfrau nun seit über sechzig Jahren prägt, ihr eine Seele verleiht. „Ich war damals noch sehr jung und unbedarft, aber ich konnte eine gute Ausbildung als Schneidermeisterin vorweisen. Von zuhause hatte ich außerdem Disziplin gelernt und die war vor allem zu Beginn sehr wichtig“, erinnert sich Vanicek an die ersten Jahre als Geschäftsführerin.

Sie wuchs stetig in die Rolle der Eigentümerin hinein, flog zu Messen, schloss Verträge, erweiterte die Stammkundschaft und renovierte das Geschäftslokal, das sich zuvor am „Haarhof“ und später am Hohen Markt befunden hatte, ehe es in den 1920er Jahren am Graben 26 seinen Platz fand. Als großer Glücksfall für das Unternehmen stellte sich die Kooperation mit der amerikanischen Herstellerfirma Fieldcrest heraus, die über vierzig Jahre dauern und erst durch die Auflösung der Firma enden sollte. Die einzigartig weichen Frotteehandtücher der Marke fanden weitläufigen Anklang, zu erhalten waren diese europaweit nur bei Harrods in London, im Maison Blanc in Paris – und eben in der Schwäbischen Jungfrau in Wien.

Doch nicht immer lief alles so problemlos für Hanni Vanicek, so brach am 25. Juni 1968 ein zerstörerischer Brand im Geschäft am Graben aus, der die Räumlichkeiten schwer beschä- digte. Auch das gesamte Archiv der Schwäbischen Jungfrau, die zu Kaisers Zeiten sogar zum k.u.k. Hoflieferanten ernannt wurde, fiel den Flammen zum Opfer und der Verkauf musste kur- zerhand in die sich heute noch dort befindende Näherei im 8. Bezirk verlegt werden.

Mit ihrer offenen und herzlichen Art begeistert Vanicek seit jeher die Menschen für sich. „Ich bin eine Person, die auf jeden zugeht und so habe ich Nelson Mandela am Flughafen die Hand geschüttelt, Michael Jackson um zwei Uhr nachts mitten auf der Straße ein persönliches Autogramm abgeluchst und am Macchu Picchu ein Foto mit Jimmy Carter gemacht“, lacht sie.

Und so bespielt sie auch seit über 60 Jahren die Bühne der Schwäbischen Jungfrau – mit Charme, Herz und Enthusiasmus, und seit 2006 gemeinsam mit ihrem Neffen Theo, der das Geschäft einmal übernehmen und ein weiteres Kapitel der langen Geschichte der Schwäbischen Jungfrau schreiben wird. „Für die Zukunft wünsche ich mir Frieden, mehr Verständnis für die Menschen, weniger Gier und für die Schwäbische Jungfrau, dass sie, genau wie die anderen älteren Geschäfte, weiterbestehen kann und die Mieten leistbar bleiben – das liegt mir wirklich am Herzen.”

Foto: SOCIETY/Pobaschnig

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