„Ich möchte das Vertrauen in Wissenschaft und Demokratie wieder stärken“

Der frühere Rektor der Universität Graz und nunmehrige Bundesminister für Bildung, Wissenschaft und Forschung, Martin Polaschek, spricht im SOCIETY-Magazin u.a. über die hohe Wissenschaftsskepsis in Österreich und blickt auf seine ersten Monate als Minister zurück.

Sie wurden am 6. Dezember 2021 als Minister für Bildung, Wissenschaft und Forschung angelobt. Wie haben Sie die ersten Monate Ihrer Amtszeit erlebt?

Sie waren intensiv, herausfordernd und gleichzeitig unglaublich spannend! Die Pandemiebekämpfung hatte selbstverständlich oberste Priorität. Schritt für Schritt konnten wir aufgrund sinkender Infektionszahlen zur Normalität im Schulalltag zurückkehren. Nach der russischen Invasion in die Ukraine habe ich sofort gehandelt und zahlreiche Maßnahmen im Bildungs-, Wissenschaft- und Forschungsbereich gesetzt. Dank vieler rascher, unbürokratischer Initiativen konnten wir den geflüchteten ukrainischen Familien helfen. Neben diesen großen Themen konnte ich aber auch zahlreiche weitere Projekte auf Schiene bringen. So bildet etwa die Einführung des Pflichtfachs „Digitale Grundbildung“ einen weiteren Meilenstein in der Digitalisierung unserer Schulen. Wir haben ebenso ein Sofortpaket zur Unterstützung der Schülerinnen und Schüler auf den Weg gebracht. Mit dem neu eingerichteten Schulveranstaltungsfonds unterstützen wir etwa Schulausflüge und ermöglichen Kindern damit – nach der coronabedingten Pause – wieder soziale Begegnungen und Erlebnisse als Klassengemeinschaft. Auch die regelmäßige Sommerschule konnte ich in meinen ersten Monaten auf den Weg bringen und für diesen Sommer wieder ermöglichen. Sie bietet allen Kindern, die es benötigen, eine optimale Starthilfe ins neue Schuljahr und entlastet die Eltern.
Und ich habe ein Thema aufgegriffen, das mir sehr wichtig ist, nämlich die Bekämpfung der in Österreich leider überdurchschnittlich stark verbreiteten Wissenschaftsskepsis und Demokratiefeindlichkeit. Derzeit untersuchen wir die Ursachen dieser Phänomene und erarbeiten darauf aufbauend Maßnahmen, wie wir dem entgegentreten können. Als erste Maßnahme werden wir Wissenschaftsbotschafter in die Schulen schicken, die Wissenschaftskommunikation verbessern oder auch im Unterricht zusätzliche Schwerpunkte setzen. Ich möchte das Vertrauen in Wissenschaft und Demokratie wieder stärken, das ist mir ein Herzensanliegen!

Österreich ist ein beliebter Standort für internationale Schulen. Wie schätzen Sie deren Stellenwert in der österreichischen Bildungslandschaft ein? Wie können junge Generationen davon profitieren und welche Bedeutung hat „internationale Erfahrung“ generell in der heutigen Berufswelt?

Jede international ausgerichtete Schule ist in unserer global ausgerichteten Welt von immenser Bedeutung. Gerade Österreich und Wien als UNO-Sitz sind nicht nur beliebte, wichtige Standorte für internationale Schulen, sondern wir pflegen seit Jahrzehnten aktiv intensive Beziehungen im Bildungsbereich mit zahlreichen europäischen und außereuropäischen Ländern. Vor allem die Förderprogramme der Europäischen Union unterstützen diesen Austausch. Internationale Schulen vermitteln einen unermesslichen interkulturellen Wert und – abgesehen vom Fremdsprachenerwerb – eine Diversitätskompetenz, die in einer weltweit vernetzten Berufswelt mehr als gefragt ist. Auch für den Wirtschaftsstandort Österreich sind internationale Schulen und ihre Absolventinnen und Absolventen von großer Bedeutung.

Die österreichischen Universitäten tun sich gleichzeitig nicht unbedingt mit vorderen Plätzen bei internationalen Rankings hervor – wie können heimische Hochschulen im internationalen Kontext erfolgreicher werden? Wo verorten Sie hier die größten Problemfelder?

(Internationale) Hochschulrankings und das Abschneiden der Hochschulen sind differenziert zu betrachten. So muss man sich immer die Frage danach stellen, was und wie Rankings messen und beurteilen. Zu beachten ist beispielsweise, dass kleinere Universitäten und Spezialuniversitäten wie etwa die Montanuniversität Leoben oder die BOKU in den großen Rankings meist nicht zu finden sind, da diese Rankings Volluniversitäten bzw. Universitäten mit breiterem Angebot bevorzugen. Die Diversität einer Hochschullandschaft, wie sie auch für Österreich prägend ist, wird durch Rankings also leider nur mangelhaft erfasst. Man muss diese Leistungsvergleiche daher auch kritisch betrachten. Dennoch finden sich regelmäßig fünf bis zehn Universitäten unter den besten 5 bis 10 % aller Hochschulen weltweit. Wir haben in jedem Fall eine ausgezeichnete und vielfältige Hochschullandschaft, die sich international sehen lassen kann. Und darauf können wir stolz sein.

Glauben Sie, dass die COVID-19 Krise Schul- und Universitätskonzepte nachhaltig verändern wird?

Die Corona-Pandemie hat unsere Schulen, Hochschulen und Universitäten ohne Vorwarnung vor große Herausforderungen gestellt. Das Distance Learning erforderte den plötzlichen Umstieg auf neue Techniken, neue Unterrichtsformen, neue Lehr- und Lernmethoden. In vielen Bereichen hat das dank der Flexibilität der Verantwortlichen äußerst gut funktioniert. Aber natürlich brachte der Umstieg auch viele neue Probleme wie soziale Isolation, Lernrückstände etc. mit sich. Unsere Bildungseinrichtungen sollen Orte der Begegnung, des persönlichen Austausches und der sozialen Interaktion sein. Deshalb bin ich sehr froh, dass das nun wieder möglich ist und das Distance Learning beendet werden konnte. Was bleiben wird, ist sicher zusätzliches technisches Know-How und ein Schub bei der Digitalisierung im Bildungsbereich.

Fotocredit: BKA/Andy Wenzel

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