Soroptimist International Austria & der Weg zur Gleichberechtigung

SOCIETY Magazin hat mit Eliette Thurn, der Präsidentin von Soroptimist International Austria, über das 100-jährige Jubiläum der Organisation und deren größten Erfolge und Herausforderungen gesprochen.

Soroptimist International ist die weltweit größte Organisation berufstätiger Frauen und besteht bereits seit 100 Jahren. Was waren die größten Erfolge, die die Organisation bis dato verbuchen konnte?

Impressionen der Ge(h)spräche (c) privat

Was 1921 mit 80 Frauen in Oakland, USA als Soroptimist begann, wurde schnell zu einer auf der ganzen Welt aktiven Organisation. Bereits 1924 wurde der erste Club in Europa, in Paris, gegründet, 1929 folgte der erste österreichische. Heute ist Soroptimist in 123 Ländern vertreten und mit nationalen und internationalen Projekten aktiv, um Frauen und junge Mädchen zu unterstützen. Außerdem haben wir einen beratenden Status bei den Vereinten Nationen, diversen Unterorganisationen und beim Europarat. Für eine NGO haben wir den höchsten beratende Status bei der UNO, das ist natürlich ein sehr wesentlicher und wichtiger Erfolg für uns.

In Österreich gibt es derzeit knapp 1800 Mitglieder SI. Welche Vorteile, welchen Mehrwert bietet eine Mitgliedschaft?

Der Mehrwert lässt sich am besten auf zwei Ebenen betrachten: Zum einen ist es das Wissen, zu etwas Positivem beizutragen und sich nachhaltig zu engagieren, zum Anderen erhält man durch eine Mitgliedschaft die Möglichkeit, sich ein interessantes Netzwerk aufzubauen, Frauen aus unterschiedlichsten Ländern und Branchen kennenzulernen und so seinen persönlichen Horizont zu erweitern.

Es gibt eine nationale, eine europäische und eine „weltweite“ und auf diesen verschiedenen Ebenen finden regelmäßig Treffen statt. Jeder Club hat weiter sogenannte „Linkclubs“ – ich bin zum Beispiel Mitglied von einem der fünf Wiener Clubs und wir haben drei Linkclubs in Italien (Mailand, Rom, Venedig), aber auch in Deutschland (München) und in Großbritannien. Dadurch entsteht die Möglichkeit, enge Beziehungen aufzubauen.

Wie wird man Mitglied von Soroptimist?

Zu allererst sucht man den Kontakt zu einer der Präsidentinnen der Clubs, diese findet man online. Danach kann man sich bei etwa drei bis vier Clubabenden vom Programm und der Atmosphäre überzeugen und für sich selbst herausfinden, ob man Teil dieses Clubs werden möchte. Danach wird ein Verfahren eingeleitet, das von den anderen Clubmitgliederinnen bestätigt wird. Regelmäßig wird man auch gebeten, einen Vortrag zum eigenen Fachbereich zu halten. Zuletzt gibt es dann eine ganz klassische Aufnahmezeremonie. 

Am 26. Juni haben die Ge(h)spräche anlässlich von 100 Jahre Soroptimist International gestartet. Was kann/soll diese Initiative – 100 Jahre. 100 Tage. 100.000 Menschen – Road to Equality – bewirken?

Diese Initiative soll Bewusstsein dafür schaffen, dass es in Österreich durchaus noch Bereiche gibt, in denen wir einen sogenannten Gender-Gap haben. Rechtlich sieht unsere Verfassung eine Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau vor, faktisch gibt es aber noch immer zu viele Gebiete, in denen Frauen benachteiligt sind. Eine der Hauptursachen dafür sind die noch immer vorherrschenden patriarchalen Denkstrukturen, die nicht nur von Männern sondern auch oftmals von Frauen weitergeben werden. Das sind Denkprozesse, die sich ganz stark auf das Leben von Frauen auswirken, das beginnt zum Beispiel schon bei der Wahl der Ausbildung.

Welchen Problematiken steht man 100 Jahre nach Gründung der Organisation als berufstätige Frau noch immer gegenüber?

Soroptimist hat gemeinsam mit internen und externen ExpertInnen vier große Themen ausgearbeitet, die unserer Meinung nach besondere Relevanz hinsichtlich der Besserstellung der Frau haben. Diese umfassen Finanzen, Gesundheit, Wohnen und Gewalt.

Viel zu oft wird davon ausgegangen, dass wir Gender Equality schon erreicht haben. Wenn man sich aber zum Beispiel vor Augen führt, dass nur 17 von 225 Vorstandsmitgliedern in börsennotierten Unternehmen weiblich sind, dann illustriert das ganz eindeutig, dass wir dieses Ziel noch lange nicht erreicht haben. Frauen erledigen noch immer die doppelte unbezahlte Arbeit. Zwar sind Paare ohne Kinder hier relativ ausgewogen, aber sobald eine Familie mit Kindern gegründet wird, ergeben sich signifikante Unterschiede – die Vereinbarkeit von Kind und Karriere ist für Frauen also nach wie vor ein großes und komplexes Thema.

Ein weiterer unserer Schwerpunktbereiche behandelt das Thema Gewalt: Österreich hält laut Statistiken den Negativrekord was Frauenmorde in Europa betrifft – das ist aber nur die Spitze des Eisbergs. Häusliche Gewalt ist ebenso weit verbreitet und Corona hat das noch zusätzlich verschärft.

Im Bereich Gesundheit ist eine Problematik die Tatsache, dass Medizin und Medikamente viel zu lange nur auf den männlichen Körper und Geist ausgerichtet wurden, erfreulicherweise gibt es hier aber durchaus positive Trends.

Was das Thema Wohnen betrifft, brauchen wir modernere, flexiblere Wohnkonzepte z.B. für alleinerziehende Mütter – in Österreich gibt es davon etwa 242.000 im Vergleich zu 47.000 Vätern, Wohnen wird aber immer noch stark im Sinne eines „Einfamilienhauses“ gedacht.

Außerdem kümmern sich Frauen immer noch viel zu wenig um das Thema Finanzen – das beginnt bereits bei der Berufswahl. Es muss darauf aufmerksam gemacht werden, dass es für junge Frauen eine Vielzahl an Perspektiven abseits der „klassischen“ Berufe, wie etwa Friseurin oder Einzelhandelskauffrau, gibt.

Auch wenn die Einstiegsgehälter meist noch relativ ähnlich sind, entsteht spätestens durch eine Familiengründung häufig ein finanzieller Rückstand etwa durch Teilzeitarbeit etc. Dies kann wiederum zu Altersarmut führen, von der Frauen übrigens dreimal so häufig betroffen sind wie Männer.

Wie geht die Organisation auf junge Generationen zu? Wo kann man hier am besten ansetzen? Und wie werden auch Männer mit einbezogen, schließlich geht es ja um einen gesamtgesellschaftlichen Lernprozess.

Um unsere Ziele erreichen zu können, brauchen wir auch die Unterstützung der Männer. Umdenken müssen wir alle und hier setzen wir mit den Ge(h)sprächen an, im Rahmen derer wir vermehrt den Austausch mit Männern suchen. Die Gehspräche sind ja bereits am 26. Juni 2021 gestartet und ich kann mit Stolz sagen, dass wir es geschafft haben, sowohl politische Vertreter als auch Mitglieder von Vereinen, Fußballclubs oder Feuerwehren einzuladen und über unsere Themen zu sprechen und damit zu sensibilisieren.   

Viele Soroptimist Clubs haben zudem Projekte, die auf Schul- und Kindergartenkinder abzielen. In Oberösterreich gibt es zum Beispiel ein Projekt, im Zuge dessen Kindern ein gewaltfreier Umgang gelehrt wird. Viele Probleme können nur dann gelöst werden, wenn wir schon bei der Erziehung der Jungen beginnen.

Wir brauchen eine Gesellschaft, in der jede/r für sich selbst entscheiden kann, wie sie oder er leben will. Eine bewusste Entscheidung kann aber nur dann getroffen werden, wenn man finanziell unabhängig ist. Auf all das wollen wir im Rahmen unserer Ge(h)spräche und der „Road to Equality“ aufmerksam machen. Folgen kann man uns dabei auf Instagram, Facebook, LinkedIn oder auf der Website des Alpenvereins (www.alpenvereinaktiv.com), mit dem wir eine Kooperation haben.

Die Road to Equality geht noch bis zum 3. Oktober 2021, der Abschluss findet in Eisenstadt statt.

www.soroptimist.at

http://100jahre.soroptimist.at

(c) Titelbild: privat


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