Lateinamerikanische Sinnlichkeit und Subversivität

Foto: BA Kunstforum/Helene Waldner

Die Bank Austria Kunstforum Direktorin Ingried Brugger im Gespräch mit SOCIETY über das „Massenphänomen Botero“ und dessen „scheinbare Naivität“.

Wieso präsentieren Sie uns den Künstler Fernando Botero?

Ich habe Botero deswegen gezeigt, weil er sicher einer der bekanntesten Künstler nach 1950 und einer der bedeutendsten Künstler Südamerikas dieser zweiten Jahrhunderthälfte ist. Südamerika interessiert mich vor allem im Zusammenhang mit der Kultur in der Auseinandersetzung mit der Frida Kahlo Ausstellung. Es ist ein Kontinent, der in seiner Vielfalt und Widersprüchlichkeit unglaublich spannend ist was sich auch in seiner Kunst spiegelt. Fernando Botero ist aber auch ein kosmopolitischer Künstler. Er ist ja nicht in Kolumbien geblieben, sondern hat auf der ganzen Welt seine Ateliers. Zusätzlich ist er auch in der internationalen Kunstszene sehr gut vernetzt. Natürlich wäre seine Kunst ohne den europäischen Kontext nicht zu denken gewesen, es ist aber eine Mischung aus dieser Tradition, die aus Südamerika kommt und die er auch immer forciert hat, und einem internationalen Kunstgeschehen. Das ist ein eigener Reiz. Er hat allerdings hier mit diesen wie aufgeblasen wirkenden Figuren, die etwas seltsam Hilfloses an sich haben, eine Marke kreiert, die als solche weltweit bekannt ist. Natürlich setzt eine Institution wie das Kunstforum auch auf Marken.

Was erwartet den Besucher der Ausstellung? Wie werden die Reaktionen sein?

Ich glaube die Leute werden sich sehr freuen. Es ist ein Fest der Sinne, der Fröhlichkeit und des Lebens. Es ist eine Kunst, die unglaublich nachdenklich macht und niemanden kalt lässt. Wir haben versucht Botero gerecht zu werden, indem wir auch Facetten seiner Arbeit zeigen, die nicht so bekannt oder beliebt sind. Botero hat die Bilder der Folterszenen von Abu Ghraib gesehen, welche die Welt schockierten, und malte daraufhin in rascher Folge einen Zyklus dazu. Sie sind in einer Art und Weise drastisch gerade weil sie so manieriert sind. Gerade weil es ebenfalls diese dicken Figuren sind. Es geht wirklich an Herz und Nieren. Diese Bilder waren niemals ausgestellt oder im Handel. In den USA war dieser Zyklus ein großer Skandal, woraufhin Fernando Botero zur Persona non grata avancierte. Wenn man sich die Fotos ansieht, dann sind die Bilder noch erschreckender. Weil sie diese Übersetzungsleistung in ein anderes Medium haben und das bleibt beim Betrachter hängen.

Was ist Ihrer Meinung nach das Besondere an Fernando Botero?

Da gibt es zwei Aspekte: erstens existieren wenige Künstler, die so wenig einer Gruppe zugeordnet werden können wie Botero. Er ist sehr eigenständig und das ist an und für sich bemerkenswert. Das zweite ist, dass er einen visuellen Nerv trifft. Botero ist ein Massenphänomen, und das als wirklich guter Künstler.

Inwiefern arbeitet Botero in der Tradition des südamerikanischen Bereichs?

Es ist diese angebliche Volkstümlichkeit, diese scheinbare Naivität, welche auch Frida Kahlo besitzt, die aber in Wirklichkeit ein großes Raffinement darstellt. Genauso wie Frida Kahlo ist auch Fernando Botero natürlich kein naiver Künstler. Das ist vielmehr der Einsatz eines Kalküls. Er packt in diese Szenen, die vermeintlich aus der lateinamerikanischen Üppigkeit stammen, die Probleme unserer Welt. Darum zeige ich diesen Künstler so gerne. Ich denke, man hat ein falsches Bild von Botero: Das ist lustig, zynisch, seltsam oder monströs. Diese Vielschichtigkeit ist etwas Besonderes. Es sind Szenen, die scheinbar Leichtigkeit vorgaukeln: Fröhlichkeit, Feste, der Tanz, Menschen die sich umarmen, Menschen die zusammen arbeiten, aber das stimmt aber alles nicht. Es ist immer gleichzeitig totale Verzweiflung, unendliche Einsamkeit. Die Menschen stehen in überhaupt keiner Beziehung zueinander, genauso wie ihre Körper uneins sind. Sie wirken vollkommen nach innen gekehrt. Es sind diese verschiedenen Schichten die Botero zu einem großen Künstler machen.

ZUR PERSON

Ingried Brugger studierte Kunstgeschichte, Architektur und Germanistik in Wien und Berlin. 1988 trat sie als Kuratorin in das Kunstforum ein, 1993 wurde sie stellvertretende Direktorin und im Jahr 2000 avancierte sie schließlich zur Direktorin.