110 Jahre Motorflug

Um den ersten erfolgreichen motorisierten Flug gibt es einen nicht lösbaren Streit: Waren es Gustav Whitehead oder die Brüder Wright, denen der erste Flug gelungen ist? Zweifellos ist, dass alle drei geniale Erfinder waren.

Von Herbert Pietschmann

Am 14. August 2011 gab es zwei Gedenkfeiern aus gleichem Anlass: eine im Discovery Museum von Bridgeport, Connecticut, USA, die andere im Flugpionier-Gustav-Weißkopf-Museum in Leutershausen, Deutschland. Gefeiert wurde der 110. Jahrestag des ersten erfolgreichen Fluges einer motorgetriebenen Maschine „schwerer als Luft“. Eine Video-Schaltung verband die beiden Feiern, wegen der Zeitdifferenz um 11 Uhr in Bridgeport und um 17 Uhr in Leutershausen. Am 14. August 1901 hatte Gustave Whitehead mit seinem Fluggerät Nr. 21 diese Pionierleistung in Bridgeport vollbracht, zwei Jahre vor den Brüdern Wright. In Leutershausen bei Ansbach, war er als „Gustav Weißkopf“ im Jahre 1874 geboren worden.

 

Leider gibt es für Whiteheads Flug „nur Zeugenaussagen und keinen fotografischen Beweis“ (Wikipedia). Zwar hatte schon am 8. August 1901 die angesehene Wissenschafts-Zeitschrift „Scientific American“ einen mit zwei Fotos illustrierten Artikel gebracht, in dem es heißt: „Eine neuartige Flugmaschine wurde soeben von Mr. Gustave Whitehead aus Bridgeport, Conn., fertig gestellt und steht nun bereit für die ersten Flugversuche.“ Und die Zeitung „Bridgeport Sunday Herald“ brachte am 18. August 1901 einen ganzseitigen Artikel über den Erstflug. Der Reporter dieser Zeitung, Dick Howell, konnte als Augenzeuge verlässliche Angaben machen.

 

Trotzdem gelten die Brüder Wright als Erfinder des Motorfluges, denn sie „haben ihre Flüge genauestens fotografisch und schriftlich dokumentiert, so dass keine Zweifel an ihrer Darstellung bestehen. Ihre Absicht zum exklusiven Verkauf ihrer Flugzeuge veranlasste sie aber zu weitgehender Geheimhaltung“ (Wikipedia).

Das Privileg des Erstfluges

Wegen der Bedeutung des Flugwesens für unsere Welt handelt es sich bei dem Streit um den Erstflug längst nicht mehr um eine historisch-wissenschaftliche Frage. Als beliebtes Ziel von Touristen ist Kitty Hawk in North Carolina, der Ort des Fluges der Brüder Wright, zu einer beträchtlichen Fremdenverkehrs-Attraktion geworden. Es geht also auch um North Carolina gegen Connecticut; vor allem, weil der Bundesstaat North Carolina mit Recht so stolz auf diesen Ort ist, dass er auf die Nummerntafeln seiner Kraftfahrzeuge unter „North Carolina“ auch prägen lässt „First in Flight“. Auf dieses Privileg ist freilich nicht leicht zu verzichten!

Daher gibt es einen grimmigen Streit, wer nun tatsächlich den ersten kontrollierten Flug durchgeführt hat und ob Whiteheads „Flug“ vielleicht nur eine Reihe von Sprüngen mit wiederholten Bodenberührungen war. Also wurde Whiteheads Flugmaschine Nr. 21 sowohl in Bridgeport als auch in Leutershausen getreu dem Original nachgebaut und zum richtigen Fliegen gebracht. Bei der gemeinsamen Feier in Bridgeport und Leutershausen wurden nicht nur der Flugpionier Gustave Whitehead, sondern auch die zeitgenössischen Piloten, die die beiden Nachbauten geflogen hatten, gewürdigt. Sondermarken mit Sonderstempel wurden auf Gedenkflügen vom Aeroclub Ansbach mit einem Motorflugzeug über Leutershausen und einem Segelflugzeug während der Bayerischen Segelflug-Meisterschaften der Junioren befördert.

Der grimmige Streit geht aber weiter. Carroll F. Gray aus Kalifornien hat in einem ausgewogenen Artikel im Internet („Understanding Gustave Whiteheads Aerial Adventures“) den Streit untersucht und meint darin folgerichtig, selbst wenn man Gustave Whitehead als Lügner entlarven könnte, müsste man erst erklären, wie es zu den notariell beglaubigten Aussagen vieler Zeugen unabhängig voneinander kommen konnte.

Leistungen genialer Erfinder

Ich bedaure, dass dieser Streit dazu führt, die unzweifelhaften Leistungen der einen oder der anderen Seite zu schmälern oder gar zu verwerfen. Whiteheads Anstrengungen hatten zum Bau von beachtlichen Flugzeugmotoren und Flugmaschinen geführt, die Brüder Wright hatten die Steuerung um alle drei Raumachsen erstmals technisch verwirklicht.

Es scheint mir historisch nicht sinnvoll, eine so wichtige Erfindung wie die des Flugzeugs gemäß unseres Entweder-Oder-Denkens auf einen bestimmten Zeitpunkt und einen (oder wenige) Personen festzulegen. Wenn die Zeit reif für eine Neuerung ist, finden sich meist mehrere geniale Menschen, deren Kräfte gebündelt zum Durchbruch der Erfindung führen.

Herbert Pietschmann ist Emeritus der Fakultät für Physik der Universität Wien und Buch-Autor (z.B.: Die Atomisierung der Gesellschaft. Ibera Verlag Wien 2009).